“Ich arbeite nicht, ich lebe”

Vorarlberg / 03.12.2017 • 18:47 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Mann, der viel Gutes tut: Russ-Preis-Träger Georg Sporschill. VN/Sams
Ein Mann, der viel Gutes tut: Russ-Preis-Träger Georg Sporschill. VN/Sams

Russ-Preis-Träger Georg Sporschill ist auch beim Heimatbesuch für seine Kinder im Einsatz.

Lustenau Rumänien und seine Schützlinge trägt Georg Sporschill überall hin mit. Im VN-Interview spricht der Feldkircher Geistliche über seine aktuelle Arbeit, über sein Weihnachtsfest in Rumänien und seinen Optimismus.

 

Inwieweit sind Weihnachten und die Zeit davor auch für Sie etwas Besonderes?

Sporschill Ich lebe seit 27 Jahren in Rumänien auf dem Land und bekomme vom Einkaufsrummel nicht viel mit. Aber Weihnachten spüre ich bei uns natürlich trotzdem. Die Leute sind aufgeregter, sie wissen um diese besondere Zeit. Ich merke das bei mir persönlich auch insofern, als ich mehr Arbeit habe. Wenn du zum Fest zwischen 100 und 200 Leuten eine Freude machen willst, dann hast du ganz schön viel zu tun.

 

Wo und wie werden Sie Weihnachten verbringen?

Sporschill Wie gesagt. Ich bin in meinem Dorf. Das heißt Hosman und hat 1000 Einwohner, schlichte Häuser, viele Kinder. Ich bin bei mir zu Hause und feiere mit rund 50 Leuten. Ich bin am 24. Dezember der Koch. Es gibt russischen Salat und frisches Brot. Danach noch Kuchen. Natürlich helfen mir die Mitfeiernden bei den Vorbereitungen. Vor Mitternacht geht’s zur Weihnachtsmette. Meine Gäste sind alle sehr fromm, frömmer als ich (lacht).

Worin liegen derzeit ihre Hauptaktivitäten?

Sporschill Ich habe mit Ruth Zenkert eine hervorragende Büroleiterin unseres Vereins Elija. Deswegen muss ich nicht mehr der Schreibtischhengst sein und kann mich voll und ganz meinen sozialen und seelsorgerischen Aufgaben widmen. Ich fühle mich dadurch absolut frei. Es ist ein Luxus, so frei zu sein und Menschen zu begegnen, die dir Freude, Liebe und Dankbarkeit schenken.

 

Viele bemängeln bei uns einen Mangel an Solidarität innerhalb der Gesellschaft. Können Sie das bestätigen?

Sporschill Als Optimist sehe ich das Positive. Das hat wohl damit zu tun, dass ich natürlich auch nur Großzügigen begegne. Die anderen gehen mir aus dem Weg. Wobei ich sagen möchte, dass jede auch noch so kleine Hilfe etwas bewegen kann. Ich mag den Spruch vom Tropfen auf dem heißen Stein nicht, weil kleine Dinge oft Großes bewegen können. Das mache ich gern auch am Thema Flüchtlinge fest. Wenn am Stammtisch gegen Flüchtlinge gewettert wird, dann würde mich interessieren, ob der Einzelne einen Flüchtling kennt. Das frage ich jeden, der über Flüchtlinge schimpft. Kennt er keinen, rede ich nicht weiter mit ihm. Wer es nämlich einmal mit einem einzelnen Flüchtling zu tun gehabt hat, kann vielleicht ganz andere Ansichten haben. Solche Begegnungen können viel verändern. Ich glaube schon, dass es noch Solidarität gibt.

 

Sie sind jetzt 71. Woher nehmen Sie die Kraft für ihr großes Engagement im Dienste von benachteiligten Menschen?

Sporschill Ich finde nicht, dass ich arbeite. Weil das, was ich mache, ist nicht arbeiten, sondern leben. Gearbeitet habe ich, als ich noch viel Büroarbeit erledigen musste. Ich gehe jeden Abend müde ins Bett – vom Leben und nicht vom Arbeiten. Natürlich bin auch in der glücklichen Lage, gesund zu sein. Ich habe auch einen Straßenhund, der mich jeden Tag zum Laufen zwingt. Wenn er ruht, dann tut er das unter dem Altar. Bei jeder Messe liegt er unter dem Altar.

 

Sie arbeiten mit Roma zusammen. Was ist besonders an diesen Menschen?

Sporschill Roma sind anders als Nicht-Roma. Wenn du mit Roma zusammenleben willst, gibt es immer eine Spannung. Es ist nie langweilig. Die Uhren gehen bei ihnen anders. Ich bin mittlerweile bei ihnen angekommen. Sie nennen mich Opa. Roma haben in der Regel nichts; wenn sie einmal etwas haben, können sie nicht damit umgehen. Aber es ist nicht so, dass sie sich jeder Integration verweigern.

 

Auch als Berufsoptimist: Sehen Sie nicht auch Gründe, pessimistisch zu sein?

Sporschill Es gibt gelegentlich kleine Tiefs, ja. Mich reißen aber vor allem die Kinder von dort immer wieder sofort heraus. Es gibt in meinem Umfeld überall Kraftquellen. Grundsätzlich bin ich aber auch kein pessimistischer Mensch.

 

Sie sind glücklich in Rumänien?

Sporschill Ja, ich möchte dort leben und sterben. Aber wenn ich krank wäre, weiß ich nicht, ob ich mich nicht doch nach einem Vorarlberger Krankenhaus sehne.