Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das waren echte Pioniere

Vorarlberg / 27.12.2017 • 17:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Auf einem Holzbalken im ehemaligen Zimmer meiner Schwestern, in dem ich wohne, wenn ich meine Familie besuche, kleben immer noch zwei Pickerl: ein Marienkäfer, ein Monchichi. Sie müssen dort seit den späten Siebziger- jahren kleben, was überrascht, in einem so picobello sauberen Haus, das über die Jahre immer wieder ein bisschen renoviert wurde und sich seinen Bewohnern anpasste.

Kürzlich war ich in Wien zu einem Geburtstagsessen eingeladen. Ich kam neben einem Wiener Architekten zu sitzen, und wir sprachen darüber, wo wir herkommen. Bei ihm war es ein Wiener Bezirk, in dem er schon als Kind jeden Winkel kannte. Er war überrascht zu erfahren, dass ich aus Vorarlberg stamme – hört man ja gar nicht mehr. Ja, doch. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihm von dem Haus erzählte, in dem ich aufgewachsen bin, aber anders als viele andere Wiener wusste er sofort, was ich meinte, als ich sagte: Es ist ein Wäger-Haus.

Was, einer der Wäger-Brüder hat das geplant, welcher denn?

Der Rudi, glaub ich.

Toll, sagte der Architekt, das waren echte Pioniere.

Ja. Das deckt sich auch mit meinen Erinnerungen daran, wie das Haus damals entstand, als eines der ersten Flach-dach-Bungalows, die im Ort gebaut werden durften. Vorgestern fand ich in den alten Alben meiner Eltern ein Kinderfoto. Es zeigt mich im weißen Erstkommunionsgewand, mit der Kerze in der Hand und mit glänzenden weißen Lackschühchen auf einem riesigen Schutthaufen. Im Hintergrund sieht man den Rohbau des wunderbaren neuen Holzhauses, in das wir bald einziehen würden und in dem endlich alle genug Platz und ich ein eigenes Zimmer haben würde. Auf dem Foto sieht man auch die Kinderzeichnungen, die zum Schutz des Glases in die riesigen Fenster gepickt wurden: Kritzeleien, die die Leute im Ort lange glauben ließen, hier entstehe ein neuer Kindergarten. Stimmte ja auch irgendwie, wenn auch nur für meine Geschwister und mich.

Vorgestern beim Familien-Weihnachtsspaziergang in meinem Herkunftsdorf entdeckten wir ein modernes neues Haus, und jemand sagte: Das passt aber nicht ins Ensemble. Und ich sagte: Haha, ja, genau wie unser Haus, das hat damals auch nicht ins Ensemble gepasst, in diese Nachbarschaft aus alten Bauern- und Bürgerhäusern und neuen Betonbunkern. Aber es war eins jener Pionier-Projekte, die den Ensemble-Kanon und das Einfamilienhaus an sich veränderten, den Umgang mit Kubatur, mit Raum, mit Licht, die Vorarlberg zu einem Holzbau-Vorzeigeland machten.

Das Haus ist übrigens immer noch fantastisch.

„Er war überrascht zu erfahren, dass ich aus Vorarlberg stamme – hört man ja gar nicht mehr.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.