Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Steht da nicht noch eins im Keller?

Vorarlberg / 15.01.2018 • 18:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zuerst fuhr ich in Wien lange ein gebrauchtes Mountainbike, ich glaube, fünfzehn Jahre lang. Irgendwann hat mir das Mountainbike nicht mehr so gut gepasst, ich wollte ein bisschen bequemer und schöner fahren; ich kaufte mir ein fesches Trekkingbike. Also eigentlich wurde mir das Trekkingbike eingeredet: Ich wollte ein bequemes Rad, ein Rad, auf dem ich mich nicht so verbiegen muss wie auf dem Mountainbike. Der Weg zur Arbeit war weit, ich wollte nicht mit Rückenschmerzen ankommen, ich fand damals, ich sei jetzt in dem Alter für aufrechteres Radeln auf bequemem Sitz und mit entgegenkommendem Lenker.

Der Fahrradhändler fand das nicht, er fand, so könne ich mit 70 radeln; für den Weg brauchst du ein schnittiges, gut ausgestattetes Rad, sagte der Händler. Er zeigte mir eins, ich machte eine Probefahrt, es war fesch, nicht was ich gewollt hatte, aber das schnittige Rad machte, dass ich mich auch schnittig fühlte. Okay. Ich kaufte es.

Es war ziemlich teuer, unter anderem wegen der Vorderraddämpfung und der diebstahlsicheren Komponenten, für die man einen Spezialschlüssel brauchte. Das war wichtig, denn inzwischen war ich in den fünften Stock eines Altbaus umgezogen, ohne Innenhof, mit einem Aufzug, mit dem man nur hinauf fahren konnte, nicht hinunter. Ich hatte mir auch ein Schloss gekauft, das fetteste, beste, sicherste, damit kettete ich das Rad an das Halteverbots-schild vor dem Haus. Das Schloss bewährte sich, denn der Rahmen von dem feschen Rad hing nach zwei Wochen noch daran, leider ohne Räder und ohne die diebstahlsicheren Komponenten.

Im Keller stand noch das alte, weiße Simplon meiner Mama, das sie mir mal überlassen hatte, als sie sich ein neues kaufte. Ich holte es herauf und pumpte es auf. Als ich damit fuhr, stellte ich fest, dass es eigentlich genau das Rad war, das ich gesucht hatte: Mit einem entgegenkommend gebogenen Lenker, einem bequemen Sitz, einem Seitenständer, einem stabilen Gepäcksträger und ohne Herren-Stange, was bequemes Ab- und Aufsteigen ermöglicht. Seither fahre ich damit, sicher schon zwölf Jahre. Das Rad ist mittlerweile 27 oder 28 Jahre alt, was man ihm ansieht, weil es seit Jahren im Freien an das Halteverbotsschild gekettet wird. Es ist rostig und zerkratzt. Man sieht ihm nicht an, dass es jedes Jahr zum Service geht, neue, gut gepumpte Reifen, eine überholte Gangschaltung und eine gut geölte Kette hat: das Licht funktioniert, es hat gute Reflektoren, die Griffe sind neu. Das fesche Rad wohnt jetzt am Land, und in der Stadt fahr ich mit dem guten alten Mama-Rad; und es ist perfekt.

„Das fesche Rad wohnt jetzt am Land, und in der Stadt fahr ich mit dem guten alten Mama-Rad; und es ist perfekt.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.