Bischof im Paradies

Vorarlberg / 26.01.2018 • 18:08 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs freut sich auf viele Begegnungen im Jubiläumsjahr. Vn/Paulitsch
Bischof Benno Elbs freut sich auf viele Begegnungen im Jubiläumsjahr. Vn/Paulitsch

Benno Elbs ruft aber auch zum breiten Einsatz für die Gerechtigkeit auf.

Feldkirch Mit zahlreichen Projekten und Veranstaltungen begeht die Diözese Feldkirch ihr 50-Jahr-Jubiläum. Bischof Benno Elbs will es nutzen, um noch mehr mit Menschen in Kontakt zu kommen. Die Selbstständigkeit der Diözese, auch wenn sie klein ist, bezeichnet er als große Chance.

 

50 Jahre Diözese: Welche Schlüsse ziehen Sie als noch junger Bischof aus der Vergangenheit?

Elbs Es war für jene, die sich damals aktiv für eine selbstständige Diözese eingesetzt haben, mit Sicherheit etwas Besonderes. Denn es hat dem Selbstbewusstsein des Landes sehr entsprochen, weil es auch mit Eigenständigkeit zu tun hat und mit der Möglichkeit, die Einheit aus eigener Kraft zu gestalten. Aus heutiger Sicht betrachtet würde ich sagen, dass eine kleine Diözese große Vorteile hat. Probleme lassen sich auf kurzem Weg lösen. Dennoch besteht eine Anbindung an Rom. Wenn ich das mit großen Diözesen wie Freiburg oder München vergleiche, ist das hier das Paradies, und es ist schön, Bischof im Paradies sein zu dürfen.

 

Wo liegen, in die Zukunft gedacht, die Chancen einer kleinen Diözese?

Elbs Wir können sehr flexibel auf Situationen reagieren. Ich denke da an die zahlreichen Laien, die schon Aufgaben in der Kirche übernehmen, an neue Leitungsmodelle oder die Pastoralteams in den Gemeinden. Es gibt auch für uns Richtlinien, trotzdem lassen sich individuelle Lösungen finden.

 

Es gibt in diesem Jahr eine Vielzahl von Aktivitäten. So haben Sie etwa gestern Menschen, die es nicht leicht haben, zu einer Mahlzeit ins Diöze­sanhaus geladen. Wie entstand diese Idee?

Elbs Die Idee kam uns während der Vorbereitungen zum Jubiläum. Die Frage war, wo ist der Auftrag der Kirche und wo ist der Ort der Kirche. Der zentrale theologische Auftrag ist, den Menschen in jeder Lebenssituation zu sagen, Gott ist mir dir, und das in der Grundüberzeugung, dass die Welt nicht am Horizont endet, sondern es auch eine geistige und seelische Dimension des Menschen gibt. Der zweite Auftrag der Kirche ist, die Herzen der Menschen zu wärmen und Menschen aufzurichten, also dort zu sein, wo Hilfe nötig ist. Ich glaube, dass ein Bischof oder ein Priester dorthin gehören.

 

Was hören Sie von diesen Menschen?

Elbs Was mich besonders beeindruckt, ist, wie interessiert die Menschen an der Kirche sind. Was ich mit drogensüchtigen und obdachlosen Jugendlichen schon für Glaubensgespräche geführt habe, ist phänomenal. Ein ganz wichtiger Punkt ist für mich dabei, diesen Menschen mit Respekt zu begegnen, sich auf eine Ebene mit ihnen zu stellen.

 

Im Rahmen eines VN-Gesprächs meinte Innenminister Kickl, das Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung sei dem Kontrollverlust im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik geschuldet. Sehen Sie das ähnlich?

Elbs Unser Herz ist groß, und die Möglichkeiten sind endlich: Es ist dieser Satz, der mich leitet, weil er meines Erachtens die Wahrheit wiedergibt. Man muss einem Menschen in Not grundsätzlich mit offenem Herzen begegnen. Aber man muss sich bewusst sein, dass die Möglichkeiten beschränkt sind. Es ist aus meiner Sicht die Aufgabe des Staates, die soziale Sicherheit zu gewährleisten. Wer Frieden, auch sozialen Frieden möchte, muss für die Gerechtigkeit arbeiten. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die mahnen, dass die Empathie über die Zukunft der Gesellschaft entscheidet.

 

Fällt Ihnen bei der türkis-blauen Regierung Empathie als zentrales Motto auf?

Elbs Es gibt einen Satz im Regierungsprogramm, der mir besonders gefällt. Er lautet: Wir möchten die unterstützen, die sich selbst nicht helfen können. Papst Franziskus hat einmal gesagt, Politik sei eine edle Form der Nächstenliebe. Wenn man mich fragen würde, was gute Politik leiten soll, würde ich sagen: Gerechtigkeit innerhalb des Systems, Friede und die Bewahrung der Schöpfung. Alles, was in diese Richtung führt, beobachte ich mit Freude, alles, was hinausführt, macht mir Sorge, weil es auf Dauer zum Auseinanderfallen der Gesellschaft führen kann. Für mich gilt aber auch das Vorschussvertrauen. Jeder, der zu arbeiten beginnt, hat ein Recht darauf.

 

Sie haben ein neues Buch herausgebracht, das sich jungen Menschen widmet. Wie geht die Kirche heute mit der Jugend sinnstiftend um?

Elbs Ich suche jede Möglichkeit, mit jungen Leuten in Kontakt zu kommen. Es geht um das Gespräch, es geht darum, dorthin zu gehen, wo sie sind, und es geht um Authentizität. Als Profijugendlicher durch die Gegend zu laufen, käme wohl nicht gut an. Man darf allerdings nicht „verzweckt“ agieren im Sinne „jetzt rede ich mit euch, damit ihr dann in die Kirche geht“. Es gilt nicht die Herrschaft des „um zu“.

 

Das Buch trägt den Titel „Rückenwind“. Spüren Sie Rückenwind für die Kirche?

Elbs Ja, es gibt in extrem vielen Bereichen Rückenwind. Ich möchte da nur die vielen Ehrenamtlichen nennen, die mitarbeiten und die Pfarren tragen. Auch der Grundwasserspiegel der Menschlichkeit und Nächstenliebe ist sehr hoch. Was sich verändert, ist die Beziehung der Menschen zur Kirche. Das zeigt sich etwa an der sinkenden Zahl von Gottesdienstbesuchern.

 

Ist das umkehrbar?

Elbs Da geht es um die Beziehung des Menschen zu Gott. Wie der Mensch diese Beziehung gestaltet, liegt in seiner Freiheit. Die Kirche kann nur Angebote machen. Beim Gottesdienst kommt noch eines hinzu, nämlich das Gebet. Beten bedeutet, eine unmittelbare Beziehung zu Gott zu haben. Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt. Ich glaube, dass es auf lange Sicht nicht möglich ist, Glaube allein zu leben.

 

Was möchten Sie nach diesem Jubiläumsjahr sagen können?

Elbs Dass wir mit vielen Leuten in gutem Kontakt gewesen sind, dass Menschen durch Gespräche und Begegnungen mit der Kirche näher zu Gott und Zugang zur Hoffnung gefunden haben. Wenn das da und dort einer sagen kann, und wenn ich es sagen kann, war es für mich ein gutes Jahr.

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