Eine Frau mit großem Kämpferherz

05.02.2018 • 17:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Pia Pichler (Mitte) mit ihren Freundinnen und Mitschülerinnen Annika Schneider (l.) und Lea Hofer. Im Sommer gehen sie gemeinsam nach England.   VN/Steurer
Pia Pichler (Mitte) mit ihren Freundinnen und Mitschülerinnen Annika Schneider (l.) und Lea Hofer. Im Sommer gehen sie gemeinsam nach England.   VN/Steurer

Pia Pichler sitzt im Rollstuhl. Aber sie meistert ihr Leben bravourös.

Lustenau  Pia Pichler (17) ist seit ihrer Geburt auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Weil sie mit Sauerstoff unterversorgt war, erlitt ihr Gehirn eine Schädigung. Das hatte eine körperliche Behinderung, konkret eine zerebrale  Bewegungsstörung zur Folge, die das Kind in den Rollstuhl zwang. Dass Pia bei der Körperpflege Hilfe benötigt, beim Essen, Aufstehen und Zubettgehen, ist für sie ganz normal. „Ich kenne es nicht anders.“  Die junge Frau hat akzeptiert, „dass ich die selbstverständlichsten Sachen nicht alleine machen kann, wie etwa den Schulweg gehen“.

Die Lustenauerin nahm ihre körperliche Beeinträchtigung schnell an. „Es war kein langer Weg zur Akzeptanz.“ Vielleicht lag das auch daran, dass ihr die Eltern vermittelten, aus der Behinderung und aus jeder Situation das Beste zu machen. „Sie gaben mir zu verstehen, dass ich gleich viel wert bin und ermutigten mich, meine eigene Meinung zu haben.“

Nicht in Glaskugel aufgewachsen

Vor den Widrigkeiten des Lebens schirmten sie sie aber nicht ab. „Ich bin nicht in einer Glaskugel aufgewachsen.“ Pia ist es unangenehm, wenn Menschen sie auf der Straße anstarren. „Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.“ Dass sie wegen ihrer Behinderung diskriminiert wurde, kam aber nicht oft vor in ihrem jungen Leben. Einmal fühlte sie sich verletzt, weil eine Lehrerin sie davon abhalten wollte, am Wandertag teilzunehmen. „Sie meinte, sonst kämen meine Mitschüler nicht auf den Berg.“

Die 17-Jährige hat aber fast nur schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Als Erstes kommen ihr die tollen Urlaube mit der Familie in den Sinn. „Ich hab’ immer Spaß im Leben gehabt“, will sie darauf hinweisen, dass ihr bisheriges Leben keineswegs schwer war. Aber wie jeder Mensch kennt auch sie traurige Momente. „Es ist wichtig, dass es diese gibt. Aus schweren Zeiten kann man etwas lernen. Man wird dadurch stärker“, zeigt sie sich für ihr Alter schon sehr reif. Das Einzige, was sie rückblickend bedauert, ist, „dass ich als Kind nicht Räuber und Gendarm spielen konnte. Es wäre cool gewesen, wenn ich es auch gekonnt hätte.“

Schon als Kind war Pia sehr wissbegierig und eine Leseratte. „Ich wollte immer etwas Neues lernen und das verstehen, was in der Welt vor sich geht.“ Bereits als ABC-Schülerin erkannte sie, „dass ich das, was ich in der Schule tue, nicht für meine Eltern oder die Lehrer mache, sondern für mich selbst“. Vielleicht läuft ihre Schulkarriere deshalb so gut. Sie war oft Klassenbeste oder zählte immer zu den Besten der Klasse, auch hier an der 4-A-Klasse der Handelsakademie in Lustenau. Bis jetzt hat sie alle HAK-Jahre mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Und das, obwohl sie viele Prüfungen mündlich absolvieren musste, weil sie aufgrund ihrer Behinderung nicht so schnell schreiben­ kann wie ihre Mitschüler.

Stipendium von Nationalbank

Die Österreichische Nationalbank vergab im Vorjahr ein Stipendium in der Höhe von 1000 Euro an sie. Damit würdigte die Institution Pias sehr gute schulische Leistungen. Das Geld hat die gute Schülerin auf die Seite gelegt. Denn die hübsche Frau hat noch viel vor. Sie möchte nach der Matura Psychologie studieren. Ihr schwebt ein helfender Beruf vor. „Am liebsten würde ich einmal mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.“ Diesbezüglich hat sie schon positive Erfahrungen gemacht. Denn die junge Frau ist Jungschar-Leiterin in der Pfarre Kirchdorf. „Das bereichert alle. Die Kinder lernen, dass es Menschen gibt, die anders sind und dass das okay ist.“

Sprachaufenthalt in England

Die junge Lustenauerin, die in ihrer Freizeit gerne Freunde trifft, Konzerte besucht und Freunden beim Billardspielen zuschaut, ist heute spät dran. Schnell fährt sie mit dem Rollstuhl ins Klassenzimmer. Sie gesellt sich zu ihren Mitschülern, drei davon sind Freundinnen. Mit ihnen wird sie im Sommer für ein paar Wochen nach England gehen, um ihr Englisch aufzubessern. Es freut sie, dass sie bei ihrer mehrwöchigen Suche nach einer persönlichen Assistentin, die sie ins Ausland begleitet und dort unterstützt, erfolgreich war. Bis jetzt hat die behinderte Frau alles erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Auch wenn sie oft hart dafür kämpfen musste. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen, selbst wenn einmal etwas Schlimmes passiert“, zeigt Pia ein großes Kämpferherz. Das bisher Schlimmste in ihrem Leben war die Krebserkrankung ihres Vaters. „Papa hat zum Glück alles gut überstanden. Wir haben es als Familie gemeistert und sind gestärkt daraus hervorgegangen. Unser Zusammenhalt ist jetzt noch stärker.“  

„Aus schweren Zeiten kann man etwas lernen. Man wird dadurch stärker.“