Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Sein erster Ball

Vorarlberg / 06.02.2018 • 19:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Er war ein übermütiger Schüler, wurde bewundert für seine Faxen und feinen Frechheiten, und jetzt stand sein erster Ball in Aussicht. Unbedingt war ein neuer Anzug vonnöten. Enge Hosen, enges Jackett, das seine biegsame Figur betonte, ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Kein Schlips. Für ihn natürlich keine Krawatte. Er sah hinreißend aus, so dass es die Mädchen, als sie ihn sahen, fast zu Boden riss, um im Bild zu bleiben.

Seine Mutter hatte ihn beim Einkauf begleitet, nicht er die Mutter, obwohl sie dann bezahlte. Schuhe aus Lack, keine Frage. Er stand im Wohnzimmer und präsentierte sich den Eltern. Sein Vater zeigte zaghaft auf den offenen Kragen, sein Sohn ignorierte. Der Mutter sah man den Stolz an. Ihr Sohn, mein Sohn, wild, wie ich einmal war.

Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ging er los, er wollte sich noch mit Freunden treffen. Die Mutter sagte: „Vergiss nicht, mein Großer, dass ich dich nach Mitternacht abhole.“

Der Schüler war fünfzehn Jahre alt wie seine Kameraden, weiblich und männlich.

Sie saßen in einem vornehmen Salon eines Mitschülers, die Eltern waren in der Oper, also konnten sich die Jungen gehen lassen. Schnaps kam auf den Glastisch, die Haushälterin hatte ihn gegen Bakschisch gekauft, und jetzt pries sie die einzelnen Getränke an. Nie hatte der Schüler Schnaps getrunken, und wie immer wollte er alle überbieten und trank ein paar Gläser ex, seine Gläser höher gefüllt als die der anderen. Er fiel unter den Tisch, schlug sich die Stirn an und war bewusstlos. Die Haushälterin war verschwunden. Ein Mädchen rüttelte ihn und schrie ihn an, er solle endlich mit seinen Späßen aufhören, das hier sei nämlich kein Spaß. Ein anderes Mädchen läutete bei der Tür des Nachbarhauses. Eine Frau öffnete verschlafen, sie war gerade dabei gewesen, sich „Casablanca“ anzuschauen, im Schlafrock, barfuß. „Steckt ihm den Finger in den Hals, damit er kotzen muss“, sagte sie und schloss die Tür.

Früher als geplant kamen die Hausbesitzer aus der Oper zurück, sie riefen die Rettung, und der Schüler lag in der Intensivstation. Wegen ihres schlechten Gewissens hatte die Hausbesitzerin nicht die Eltern des Schülers verständigt. Erst als Mitternacht vorbei war und der Schüler am Tropf hing, telefonierten sie. Die Mutter stand vor dem Spitalsbett, sie war außer sich, dachte ans Verklagen und an Rache, was war mit ihrem Liebling geschehen?

„Das wird eine Stange Geld kosten“, sagte der Oberarzt zur Mutter, Selbstverschulden, da kommt keine Versicherung dafür auf.“

Und das soll sein erster Ball gewesen sein? – Ja.

„Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ging er los, er wollte sich noch mit Freunden treffen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.