Der Mann, der drei Mal tot war

07.02.2018 • 19:27 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Lucia hat Lust, mit ihrem Opa Erich Wüstner eine Partie „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen. HRJ
Lucia hat Lust, mit ihrem Opa Erich Wüstner eine Partie „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen. HRJ

Erich Wüstner ist im Leben angekommen und jederzeit bereit zu gehen.

Heidi Rinke-Jarosch

LUSTENAU „Ein Mensch ist gestorben, damit ich weiterleben kann. Ich empfinde große Dankbarkeit.“ Vier Jahre ist es her, dass in Erich Wüstners Körper die Niere eines verstorbenen Organspenders eingepflanzt wurde. Seit vier Jahren muss er nicht mehr zur Dialyse. „Drei Mal pro Woche Blutwäsche war extrem anstrengend“, erinnert sich der 57-Jährige.

Heute wirkt Erich wohlauf und voller Lebensfreude. „So fühle ich mich auch. Aber das war lange Zeit nicht so“, sinniert er und streicht dabei über seinen üppigen Schnauzbart. „Hätte ich Lea nicht gehabt, wäre es wohl nicht so. Sie ist der Glücksgriff meines Lebens.“

Lea ist seit 25 Jahren Erichs zweite Ehefrau. Aus seiner ersten Ehe stammt ein mittlerweile erwachsener Sohn, „mit Lea habe ich ihre beiden Kinder mitgeheiratet. Sie ist mit mir durch alle Höhen und Tiefen gegangen.“ In die Tiefe gerissen wurde er durch schwere Erkrankungen, die er überlebt hat.

Als Erich 1960 als fünftes Kind eines Mellauers und einer Rumänin auf die Welt geschubst wurde, war er ein munterer und kerngesunder Bub. Er absolvierte nach der Grundschule eine Druckerlehre, arbeitete dann in der SPÖ-Druckerei in Bregenz und hatte politische Ämter inne – etwa als Gemeindevertreter, als Geschäftsführer der SPÖ Dornbirn und der Volkshilfe: „Dadurch habe ich Kontakt mit sozial schwachen Menschen bekommen, seitdem setze ich mich für sie ein“, stellt er klar.  

1994 wagte Erich den Sprung in die Privatwirtschaft. Vier Jahre war er im Marketing bei Saeco Kaffeemaschinen beschäftigt, dann übernahm er zusammen mit Lea den Spar-Markt in Krumbach. Für Politik hatte er keine Ambitionen mehr: „Ich habe damals alle politischen Tätigkeiten abgegeben.“

Acht Jahre ging alles gut. Dann begann seine linke Niere abzusterben. Zum Jahreswechsel 2008/ 2009 musste das Organ entfernt werden. Daraufhin erlitt Erich einen septischen Schock und lag drei Wochen lang im künstlichen Koma. In dieser Zeit blieb sein Herz drei Mal stehen, drei Mal wurde er wiederbelebt.

Zwei Jahre später versagte die zweite Niere, auch sie wurde herausgenommen. Von da an hieß es für Erich, jeden zweiten Tag jeweils vier Stunden zur Dialyse. „Es war schwierig für mich, akzeptieren zu müssen, dass mein Leben von einer Maschine abhing“, gesteht er.

Kaum hatte er sich halbwegs erholt, bekam er die Diagnose Prostatakrebs mitgeteilt. Die Krankheit überstand er wie durch ein Wunder. Allerdings, wiederholt er, hätte er es ohne Lea nicht geschafft. Zärtlich streicht er über den Arm seiner Frau, die soeben mit der sechsjährigen Enkelin Lucia das Wohnzimmer betreten hat.

Am 10. Februar 2014, um 9 Uhr früh kam der Anruf aus dem Krankenhaus Feldkirch: „Ich soll sofort kommen, hieß es. Es gebe eine passende Niere für mich.“ Dann ging es Schlag auf Schlag: Fahrt nach Feldkirch, letzte Dialyse, Weiterfahrt mit der Rettung zur Uni-Klinik nach Innsbruck, komplette Untersuchung, Vorbereitung zum Eingriff. Dann hieß es warten. Endlich landete der Hubschrauber, der die Niere transportierte, auf dem Spitalsdach. „Um 22 Uhr begann die OP. Sechs Stunden später telefonierte ich mit Lea.“ Neun Tage nach der Transplantation marschierte Erich nach Hause: „In jenem Augenblick bin ich im Leben angekommen. Von da an ging es mir gut. Ich habe keine Schmerzen mehr und kann fast alles wieder tun. Langsamer allerdings. Meine Kräfte haben nachgelassen.“

Über den Spender weiß Erich nichts. „Aber dem Verstorbenen und seiner Familie, die das Einverständnis für die Organentnahme gegeben hat, bin ich unendlich dankbar.“

Heute lebt Erich als Pensionist gemütlich mit Lea in einer Eigentumswohnung in Lustenau. Die Invalidenrente sei klein, sagt er, „aber wenn man genügsam ist, passt es.“

Enkel an erster Stelle

Um etwas zurückzugeben, nachdem ihm so viel Gutes wiederfahren ist, engagiert sich Erich sozial. So hat er 2015 mit vier anderen Pensionisten in Lustenau eine Fahrradwerkstätte für Flüchtlinge ins Leben gerufen. Ein weiteres Projekt ist „Radeln ohne Alter“: „Wir holen immobile Mitbürger mit Rikschas zu Hause ab und fahren mit ihnen an gewünschte Orte.“

An erster Stelle stehen jedoch die Enkel, betont Erich. Jeden Moment, den er mit den sechs-, drei- und einjährigen Kindern zusammen sei, genieße er. In diesem Moment hat Lucia Lust, mit ihrem Opa eine Partie „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen. Das Mädchen faltet das Spielbrett auseinander, stellt rote und grüne Figuren auf die vorgegebenen Felder und beginnt zu würfeln.

„Einen Wunsch habe ich“, antwortet Erich zwischendurch auf die obligatorische Frage nach Wünschen. „Dass Sebastian Kurz so kurz wie möglich Bundeskanzler ist, damit er und Strache mit seinen blaubraunen Mitläufern nicht noch mehr Schaden anrichten können.“

„Ich habe keine Schmerzen mehr und kann fast alles wieder tun. Langsamer allerdings.“

Zur Person

Erich Wüstner

Geboren 20. Juli 1960

Wohnort Lustenau

Laufbahn Drucker, Partei-Angestellter, Privatwirtschaft, Pensionist

Familie verheiratet mit Lea, drei Kinder, drei Enkel