Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Am Pranger

Vorarlberg / 13.02.2018 • 20:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine feine Familie lebte in einer Stadtwohnung. Das Mädchen hatte sich zum Geburtstag zwei Schildkröten gewünscht und sie auch bekommen, dazu ein Gehege, das ein Drittel des Wohnzimmers einnahm. Sie versprach, auf die Tiere zu achten. Gern spielte das Mädchen auf der Dachterrasse. Sie setzte die zwei Schildkröten in die Mitte und baute rundherum einen Zaun aus Legosteinen. Die Schildkröten verhielten sich ruhig.

Die Mutter rief mittags zum Essen, Milchreis mit Safran, des Mädchens Lieblingsspeise. Es hüpfte über die Treppe und setzte sich an den Esstisch. Am Nachmittag ging sie mit dem Vater in ein Caféhaus, dort trafen sie eine Tante, die viel zu erzählen hatte. Sie fragte das Mädchen, wie es denn ihren Schildkröten gehe, und das Mädchen sagte, denen geht es bestens, die schlafen auf dem Dach.

Zuhause dann lief sie zu ihnen und fand beide umgedreht, den Schild nach unten, so dass die empfindliche Seite nach oben schaute. Bei einer Schildkröte war nur mehr ein Teil ihres Körpers zu sehen, es sah aus, als hätte jemand die Hälfte aus der Schale gepickt. Bei der zweiten Schildkröte war nur wenig probiert worden. Das Mädchen schrie. Vater und Mutter stürmten auf die Terrasse, sie waren glücklich, dass ihrem Kind nichts passiert war, denn nach dem Schrei zu urteilen, hätte sich etwas Schreckliches ereignet haben können. Es waren nur die Schildkröten. Der Vater untersuchte die Tierkörper und kam zum Schluss, dass ein Vogel sie zum Teil aufgefressen hatte. Der Rabe. Oft war er hier gesehen worden. Die Mutter nahm die nur angepickte Schildkröte und fuhr mit ihr zum Tierarzt. Als der den Körper der Schildkröte untersucht hatte, schimpfte er die Frau und sagte, es sei verantwortungslos, so schlecht auf ein wunderbares Tier aufzupassen. Der Arzt wollte das Tier in Obhut nehmen und es besprechen.

„Wie besprechen?“, fragte die Frau.

„Was sie nicht können“, sagte der Arzt. „Ein Mensch, der ein Tier hält, ist gesetzlich verpflichtet, sich darum zu kümmern, ihm keine Schmerzen, Leiden und Schäden zuzufügen, oder solche zu ignorieren.“

„Was geben sie mir die Schuld“, sagte die Frau, „ich kann doch nichts dafür, dass ein Rabe das Tier angefallen hat.“

„Sie sehen dem Tier beim Leiden zu und unternehmen nichts, ich sollte sie anzeigen.“

„Aber ich bin ja zu ihnen gekommen, gleich auf der Stelle, was werfen Sie mir vor?“

„Das, genau das will ich mit der Schildkröte besprechen“, sagte der Arzt.

„Ich schenke sie Ihnen“, sagte die Frau, „ich kann mit Tieren nicht sprechen und sie mit mir auch nicht.“

Der Tierarzt stellte eine Rechnung aus, für alles was noch zu tun wäre für das arme Tier.

„Soll ich gleich bezahlen?“, fragte die Frau. Sie nahm drei Hunderter aus der Tasche und legte sie hin.

Auf dem Heimweg sagte sie sich: Noch nie in meinem Leben hat mich jemand so schonungslos an den Pranger gestellt. Muss ich mir das gefallen lassen? Und ihr kam der Gedanke, die Schildkröte hätte sie verteidigen können.

„Die Mutter rief mittags zum Essen, Milchreis mit Safran, des Mädchens Lieblingsspeise.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.