Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Was tun mit Sexualtätern?

Vorarlberg / 14.02.2018 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Über Sexualtaten zu diskutieren, ist nicht einfach. Kaum ein anderes Verbrechen löst so viel Betroffenheit aus, keinem Tätertypus begegnen wir mit so viel Abscheu, und fast nirgends verdienen die Opfer so sehr unser Mitleid. Im Kontrast dazu steht eine hypersexualisierte Gesellschaft, die sich im Umgang mit den Schuldigen schwertut und radikale Lösungen fordert. Sämtliche politische Parteien, nicht nur die der neuen Regierung, haben nur eine einzige Lösung: immer härtere Strafen. Wenn sie der verständlichen Wut des Volkes Rechnung tragen wollen, scheinen sie zu übersehen, dass damit weder für die Sicherheit der Bevölkerung noch gegen das Leid der Opfer etwas getan ist. Das oft gebrachte Argument der Abschreckung relativiert sich angesichts des ständigen Rückgangs schwerer Sexualtaten.

De facto werden Sexualtäter, besonders pädophile, vielfach bestraft. Neben den immer drastischer werdenden strafrechtlichen Sanktionen haben sie Schmerzengeld und Psychotherapiekosten für die Opfer zu tragen. Oft wenden sich ihre Angehörigen von ihnen ab, fast immer verlieren sie den Arbeitsplatz. Selbst in der Hackordnung der Gefängnishierarchie stehen sie auf der untersten Stufe. Sie haben wenig Chance auf vorzeitige Entlassung, kommen nie in den Genuss einer Amnestie und haben weniger Aussichten auf soziale Rehabilitation als andere Tätergruppen. Jede einzelne dieser Maßnahmen und Folgen hat ihre Berechtigung, alle zusammen bedeuten aber eine soziale Hinrichtung.

Sexualtäter ist nicht gleich Sexualtäter. Viele sind ganz normale Menschen, die eine ganz normale Strafe verdienen. Sie haben in einer bestimmten Situation die Kontrolle verloren, verhalten sich daneben aber sozial kontrolliert. Andere leiden unter psychischen Problemen, sodass es mit Einsperren allein nicht getan ist. Eine kleine Gruppe ist höchst gefährlich und muss zum Schutz der Gesellschaft langfristig untergebracht werden. Allen gemeinsam ist aber die Notwendigkeit einer Behandlung, sei es aus therapeutischen oder präventiven Gründen. Sexualstraftaten gehören konsequent und streng geahndet. Die Opferinteressen, zu denen auch Gerechtigkeit und Sühnebedürfnis gehören, müssen über allem stehen. Dort, wo andere zu Schaden kommen, lässt sich das in der Drogenbekämpfung bewährte Prinzip „Therapie statt Strafe“ nicht anwenden. Ein humanes Strafrecht müsste aber, auch im Hinblick auf die Wiederholungsgefahr, wenigstens den Leitgedanken „Strafe und Therapie“ zulassen – selbst für Sexualstraftäter.

„Sexualstraftaten gehören konsequent und streng geahndet.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.