Geheimdienstarbeit in Film und Realität

15.02.2018 • 21:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Leo Martin: „Du solltest andere so behandeln, wie sie es wollen.“ Lerch
Leo Martin: „Du solltest andere so behandeln, wie sie es wollen.“ Lerch

Ex-Agent über V-Männer, tolle Autos und Tücken der Kommunikation.

Dornbirn Leo Martin (er nennt sich manchmal anders) war zehn Jahre lang Geheimdienstmitarbeiter. Seine Aufgabe war es, Kontakte zu Verbindungspersonen (V-Leuten) in der organisierten Kriminalität aufzubauen. Mittlerweile berichtet er über sein Wissen, auch bei den „50 Köpfen von morgen“.

 

Wie kann man zu einem V-Mann Kontakt aufnehmen? Sie werden ja nicht einfach anrufen.

Martin Wenn Sie sich trauen anzurufen, muss die Beziehung schon stabil sein. Ich möchte ja vermeiden, dass er sich einfach aus der Affäre zieht, indem er auflegt oder nicht ans Telefon geht. Bei den ersten Kontakten ist es sinvoller, die Zielperson persönlich abzufangen.

 

Im Alltag? Also bei der Arbeit?

Martin Ja. Oder irgendwo auf einer Reise, beim Sport oder abends im Lokal. Aber immer so, dass es sein Umfeld nicht mitbekommt. Ich brauche ihn isoliert.

 

Sind Sie einem V-Mann auch schon auf den Leim gegangen?

Martin So etwas passiert schon mal. Wir haben es immer mit weichen Informationen zu tun, vom Hörensagen über Dritte oder Vierte. Das Schwierigste an diesem Job ist das richtige Bewerten von Informationen. Manchmal gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Da ist mir persönlich schon alles passiert.

 

Was zum Beispiel?

Martin Bei einer Vernehmung war ich mir sicher, dass der Täter vor mir sitzt, und später stellte sich heraus, er war es nicht. Oder dass ein Typ, von dem ich überzeugt war, er habe mit der Sache nichts zu tun, sich als Drahtzieher herausstellt. Aber meine Trefferquote war relativ gut, sie lag bei 80 bis 85 Prozent.

 

Wie nah sind Hollywoodfilme am Alltag?

Martin Hollywood zeigt James Bond oder andere Agenten, die in Rambomanier als Einzelkämpfer vorgehen und ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche legen. In Wirklichkeit ist geheimdienstliche Arbeit ein Zusammenspiel von Experten. Jeder beschafft kleine Puzzleteile, die am Ende ein großes Bild ergeben.

 

Das mit den Autos stimmt aber schon, oder?

Martin Ja, wir sind tolle Autos gefahren (lacht). Unser großer Vorteil war, dass wir auf Fahrzeuge zugreifen konnten, die von den Gerichten eingezogen wurden, weil sie für Straftaten benutzt wurden. Da waren tolle Autos dabei. Vom Porsche bis zum fetten SUV war alles am Start. Du suchst dir immer das Fahrzeug aus, das im Umfeld des V-Mannes am wenigsten auffällt.

 

Wie erkenne ich, wenn mich jemand manipulieren möchte?

Martin Wenn es sich nicht gut anfühlt. Schwierig wird es, wenn man selbst nicht klar positioniert ist. Im Alltag oder im Job. Wenn du nicht genau weißt, wofür du stehst und wie du von anderen gesehen werden willst. Dann wirst du schnell zum Spielball im Spiel von anderen. Wer weiß, was er will, und weiß, was mit ihm geht und was nicht, ist kaum manipulierbar.

 

Wie durchschaubar sind Menschen?

Martin Menschen sind verschieden, aber gewisse Tendenzen gibt es. Der Macher-, Kontakter- oder Analytikertyp ist relativ einfach zu erkennen. Jeder hat unterschiedliche Motive, Dinge zu tun oder zu lassen. Deshalb treffen sie in derselben Situation unterschiedliche Entscheidungen. Wenn Kommunikation funktionieren soll, muss man jeden Typen so behandeln, wie er es braucht. Der Satz: Behandle jeden so, wie du auch behandelt werden möchtest, stimmt nicht. Du solltest andere so behandeln, wie sie es wollen.

 

Und wenn man das Gegenüber durchschaut, kann man ihn einfacher manipulieren.

Martin Man kann den anderen beeinflussen. Der Grat zwischen einer negativen Manipulation und legitimer Führung ist schmal. Die Werkzeuge sind dieselben. Wenn ich führe, kann ich in eine Richtung steuern, die günstig für mich ist, aber nicht ungünstig für den anderen, wie im Team am Arbeitsplatz. Negative Manipulation ist es dann, wenn es auf Kosten des anderen geht. VN-mip

Zur Person

Leo Martin

ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, Buchautor

Geboren 1976 in Augsburg

Bücher „Ich krieg dich!“, „Ich durchschau dich!“