Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Der beste Lehrer, den ich je hatte

19.02.2018 • 20:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich hatte einen Lehrer. Einen richtigen, guten Lehrer, wie ein Lehrer sein soll. Ich war in einer Schule, in der mir das Lernen keine Freude machte, ich war siebzehn, rebellisch und unverstanden, die Lehrer fanden mich aufsässig, lästig und faul. In der siebten Klasse fiel ich in Mathematik durch und musste wiederholen.

Ich kam in eine Klasse mit besseren Lehrern und ein paar Schülern und Schülerinnen, die so ähnlich drauf waren wie ich. Mit ein paar von ihnen habe ich noch Kontakt, eine Floristin, ein Therapeut, zwei Musiker, eine Lehrerin, eine Ophtalmologin, eine Flüchtlingsbetreuerin, ein Landeshauptmann. Und es gab diesen einen Lehrer, der Geschichte und Deutsch unterrichtete. Ich hatte immer viel gelesen, Literatur begeisterte mich, und dann schrieb ich selbst, zornige und melancholische Pubertätsprosa. Schreiben und Sprache war Flucht und gab mir Struktur, aber davor hatte das keinen interessiert.

Aber dieser Lehrer sah mich. Er sah ein Talent, und er förderte es, wie es ein guter Lehrer tut. Er nahm mich ernst, er inspirierte, kritisierte und gab mir die Werkzeuge, die ich brauchte – ob ich die Hausaufgaben ordentlich machte oder Stunden verdöste, war ihm egal. Ihm war wichtig, dass ich schrieb und dass ich dabei besser wurde. Einmal warf er mir eine Schularbeit auf den Tisch und sagte irgendwas wie: Unter aller Sau, das kannst du besser, schreib das noch einmal, jetzt gleich.

Ich maturierte – in Deutsch mit einem Einser – dann ging ich nach Wien und studierte lustlos herum: Politik, dann Architektur, nichts davon ordentlich. Der Lehrer hielt den Kontakt zu mir aufrecht und fand das alles Unsinn. Er ging mir so lange auf den Geist, bis ich anfing zu schreiben: Mit 20 oder 21, als mich jemand mit zum Falter nahm und ich wusste, hier will ich sein, und ich schrieb, was immer man mich ließ.

Das war ungefähr der Punkt, an dem der Lehrer den Kontakt abreißen ließ. Ich war dort, wo er mich wollte, ich brauchte ihn nicht mehr.

Bis heute verfluche ich ihn manchmal dafür, dass er mich dazu brachte, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Aber vor allem bin ich ihm dankbar, und ich schickte ihm fast jedes Buch, das ich veröffentlicht habe.

Er hat auf keine dieser Sendungen je reagiert. Ich weiß nicht, ob er meine Bücher nicht gut fand oder einfach keine Lust hatte, sie zu kommentieren. Ich werde, und das schmerzt sehr, nicht mehr mit ihm darüber reden können: Im Jänner ist er bei einem Skiunfall gestorben.

Ich hatte einen Lehrer, Günter Schmid. Er war vielleicht nicht für jeden der richtige Lehrer, aber für mich war er es. Er war der wichtigste, der beste Lehrer, den ich je hatte, und ich vergesse ihn nie.

„Er sah ein Talent, und er förderte es, wie es ein guter Lehrer tut.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

Am 22. Februar liest Doris Knecht im Rohnermuseum Lauterach aus ihrem neuen Roman „Alles über Beziehungen“.