Wenn sich zwei streiten

19.02.2018 • 20:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Abgemagert von rund 200 auf nur noch 114 Kilogramm. Eingekesselt zwischen Felsen und dem Skigebiet fand dieser Hirsch im Schwarzwassertal nicht ausreichend Nahrung. Er stürzte geschwächt ab und verendete.Broger
Abgemagert von rund 200 auf nur noch 114 Kilogramm. Eingekesselt zwischen Felsen und dem Skigebiet fand dieser Hirsch im Schwarzwassertal nicht ausreichend Nahrung. Er stürzte geschwächt ab und verendete.Broger

Jäger schlagen Alarm: Wegen Fütterungsverbot verenden im Kleinwalsertal Hirsche und Rehe.

Mittelberg Die Bilder wühlen auf. Ein toter Hirsch unweit der Talstation des Skigebiets Ifen, abgemagert im Schnee. Von einem weiteren zeugen nur mehr Kopf und Läufe. Beide sind verendet, weil die Fütterung eingestellt wurde. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Innsbruck hat das tote Wild untersucht. Der Verdauungstrakt: leer. In Därmen und Mägen fanden sich nur ein paar Fichtennadeln. „Linksseitig alle Rippen gebrochen, Blutergüsse“, heißt es im Bericht. Das stolze Tier, abgemagert von rund 200 auf nur mehr 114 Kilogramm, geschwächt durch fehlende Nahrung und den harten Winter ist abgestürzt und verendet. Gefunden hat die Kadaver Erwin Winsauer. Seit 50 Jahren ist er im Schwarzwassertal Jagdaufseher. Bei so einem Elend wolle er nicht länger zusehen, sagt der 75-Jährige. Und das alles wegen ein paar Bäumen.

Die Tiere mussten sterben, weil die Grundbesitzer der Alpe Auen-Ifen eine seit Jahren praktizierte Notfütterung für Rotwild untersagt haben. Das sieht nicht nur Erwin Winsauer so. „Wenn man im 21. Jahrhundert so mit Tieren umgeht, dann läuft es einem kalt über den Rücken“, befindet auch der zuständige Hegeobmann Friedrich Kessler. Wirtschaftliche Interessen würden auf dem Rücken der Tiere ausgetragen.

Auf fatale Folgen hingewiesen

Wenn sich zwei streiten, geht das in diesem Fall auf Kosten des Tierwohls. So sehen es jedenfalls die Jäger und schlagen Alarm. Auf die fatalen Folgen des Fütterungsverbots hatten sie die Grundstückseigentümer mehrfach hingewiesen. Ohne Erfolg. Einstimmig sei die Entscheidung der 21 Alpmitglieder ausgefallen, sagt Thomas Uth als deren Obmann. Schließlich sei der Wildbestand zu hoch gewesen. Die Fütterungen hätten mehr zur Hege gedient. Mit dem Auflassen der Futterstelle sollten die Tiere in ein Wintergatter ins deutsche Mahdtal gedrängt werden, so der Alpobmann.

„Natürliche Auslese“

Angekommen sind dort aber nur vier Hirsche. Die anderen sind geblieben. Ganz so, wie es die Jäger prophezeit hatten. Das räumt auch Thomas Uth ein. Aber: „Da ist alles zusammengekommen. Durch den extrem strengen Winter war der Zeitpunkt unglücklich“, erklärt er. Und weiter: Die Tiere täten ihm zwar leid, aber das sei eben eine natürliche Auslese. „Die Schwachen bleiben auf der Strecke.“

Mit natürlicher Auslese hat das alles für die Jäger nichts zu tun. Das Gebiet wird touristisch genutzt, die Tiere sind regelrecht eingesperrt. Die topografische Lage und das Skigebiet schneiden ihnen den Weg ab. „Sie können nicht talauswärts, wo sie noch genug Nahrung finden würden“, sagt Hegeobmann Friedrich Kessler. Ihnen die Fütterung zu verweigern sei schlichtweg unverantwortlich.

So denkt auch Jagdpächter Oliver Müller-Marc, der hinschmeißt. Er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, das Wild im eigenen Revier nicht füttern zu dürfen und es stattdessen verhungern zu sehen. Der Pachtvertrag wurde aufgekündigt. Eingestellt wurde Anfang Winter auch die Fütterung von Rehen. Die ersten seien schon zu Weihnachten tot dagelegen, sagt Jagdaufseher Erwin Winsauer. Nachweislich ein halbes Dutzend seien es jetzt. Mittlerweile hat sich die Jagdbehörde eingeschaltet. Provisorisch wurde eine Notfütterung aufgenommen. Winsauer müht sich durch den Tiefschnee. Zwei Meter seien es. Und das Wild befinde sich in einem traurigen Zustand. Trotz Winterdecke sehe man jeden Knochen. „Vielleicht haben wir Glück und sie schaffen es“, so der erfahrene Jäger.

Im Spannungsfeld zwischen Interessen der Grundstückseigentümer und der Jagd scheint ein neuer Höhepunkt erreicht. Der Konflikt spitzt sich mit dem jetzt dokumentierten Fall zu. Für Erwin Winsauer steht fest, dass sich etwas ändern muss. Ohne Notfütterung würden unweigerlich Verbissschäden in den Wäldern zunehmen. Das wiederum bedeute eine drastische Erhöhung der Abschusszahlen. „Ich weigere mich, mich in den Dienst dieser sinnlosen, tierverachtenden Spirale bis zur planmäßigen Liquidation des Wildes zu stellen“, so Winsauer.

„Hier werden wirtschaftliche Interessen auf dem Rücken der Tiere ausgetragen.“

„Wenn du fütterst und den Bestand nicht dem Wald anpasst, ist zu viel Wild im Wald.“