Verendete Hirsche wühlen auf

Vorarlberg / 20.02.2018 • 18:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der VN-Bericht vom 20. Februar 2018 empört. LR Schwärzler zieht rasch Konsequenzen.
Der VN-Bericht vom 20. Februar 2018 empört. LR Schwärzler zieht rasch Konsequenzen.

Land reagiert auf VN-Bericht: Keine willkürliche Auflösung von Wildfütterungen mehr.

Mittelberg Abgemagert bis auf die Knochen, zu schwach zum Überleben: Die gestern in den VN aufgedeckten Fälle von Tierleid im Kleinwalsertal empören. Die Grundstückseigentümer der Alpe Auen-Ifen hatten dem Jagdpächter die Notfütterung des Rotwildes untersagt. Das Todesurteil für zumindest zwei Hirsche im Gebiet und längst kein Einzelfall, wie VN-Recherchen zeigen. Auch in Hittis­au ist nach der Aussetzung von entsprechenden Fütterungen Wild verendet. Dem will Landesrat Erich Schwärzler jetzt ein Ende setzen. „Ich werde umgehend die Bezirkshauptmannschaften anordnen, keine Fütterungen ohne entsprechende gesamtheitliche Betrachtung mehr aufzulassen“, reagiert er auf den VN-Bericht. So soll dies nur mehr mit einem entsprechenden Gutachten des Wald-Wildbiologen und einer Stellungnahme der Veterinärsabteilung möglich sein. Es brauche eine Strategie auch für den Tag nach einer solchen Entscheidung, sagt Schwärzler. Da müsse auch das Tierwohl berücksichtigt werden.

Wild bleibt auf der Strecke

Im Konfliktfeld Wald, Jagd, Tourismus bleibt das Wild auf der Strecke. Sein Lebensraum wird immer kleiner. Das zeigt der Fall im Kleinwalsertal schonungslos auf. Eine Diskussion über den Lebensraum des Wildes sei deshalb zwingend notwendig, sagt Bezirksjägermeister Hans Metzler, der die Politik gefordert sieht. Das Jagdgesetz aus dem Jahr 1988 weise drei Zonen aus. Rotwild finde man nur in der wildtiertauglichen Kernzone, die etwa ein Drittel ausmache. Mit dem Fütterungsabbruch würden nun auch hier Maßnahmen durchgesetzt, die einst nur in den Rand- und Freizeitzonen praktiziert worden seien, ärgert sich Metzler. Die Politik nehme sich dem Thema zu wenig an, überlasse vieles den unteren Ebenen der Verwaltung. Dort wiederum setze die Forstwirtschaft ihr behördliches Machtpotenzial ein, spricht er von ungleichen Kräfteverhältnissen. Die Jägerschaft wünscht sich eine klare Ausweisung der Lebensräume von Wildtieren. „Es braucht klare Spielregeln für Wild und Jäger“, sagt Metzler und zeigt sich dabei selbst bei etwaigen Nachjustierungen beim Wildbestand gesprächsbereit.

Landesrat Erich Schwärzler kündigt entsprechende Maßnahmen noch für dieses Jahr an. Die Frage nach dem benötigten Lebensraum von Wildtieren im Land würde bereits in einer Arbeitsgruppe behandelt. Ziel sei es, entsprechende Wildruhezonen auszuweisen – mit klarer Kennzeichnung und entsprechender Information.

Ein klares Bekenntnis, dass ein gesunder, naturnaher Raum auch Lebensraum für Wildtiere sein soll, kommt von Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger. „Der Wildbestand muss aber der Fläche entsprechen, die verfügbar ist.“ Und das treffe nicht überall zu. Moosbrugger spricht von einzelnen Revieren mit deutlich überhöhten Beständen und von Notfütterungen, die dem Namen nicht gerecht werden. Da und dort hätten sie jedenfalls nicht nur dem Überwintern gedient. „Wenn nicht nur Rauhfutter, sondern auch Kraftfutter und Mais verwendet wird, dann geht das zu weit“, so der Kammerpräsident, der im Fall Kleinwalsertal einräumt, eine Fütterung ohne entsprechende Anpassungen hätte nicht von heute auf morgen aufgelassen werden dürfen. Verantwortlich dafür macht er auch eine „offensichtlich fehlende Gesprächsbasis zwischen Grundbesitzern und Jägern“.

„Widerspricht TBC-Strategie“

Ein ganz anderes Informationsdefizit ortet Landesveterinär Norbert Greber. Das Einstellen der Fütterung widerspreche der TBC-Bekämpfungsstrategie des Landes. „Was hier gemacht wurde, ist absolut kontraproduktiv.“ Die Konzentration auf wenige Fütterungen und die Mobilisierung des Wildes erhöhe die Ansteckungsgefahr, ärgert sich Greber auch darüber, dass es dazu keine entsprechende Information gab. Und was das Tierwohl betreffe, habe man vielmehr die Pflicht, die Tiere zu füttern, weil der Weg zur Nahrung in niedrigere Lagen längst unterbunden sei.

„Wir müssen uns stärker damit auseinandersetzen, wo der Lebensraum für Wildtiere ist.“

„Hier ist ein gesunder Hirsch gestorben. Von natürlicher Auslese zu sprechen, ist Zynismus.“