„Habe schon oft aus Demut geweint“

Vorarlberg / 26.02.2018 • 18:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Schamanin aus dem Silbertal trommelt sich ins Unterbewusstsein des Klienten. Roland Paulitsch
Die Schamanin aus dem Silbertal trommelt sich ins Unterbewusstsein des Klienten. Roland Paulitsch

Wie die Silbertalerin Marissa Säly zur Schamanin wurde.

Silbertal Ihre ersten drei Lebensjahre waren durch die seelische Erkrankung ihrer Mutter geprägt. „Mama war nicht in der Lage, für mich und meinen Bruder zu sorgen.“ Marissa Säly (41) erinnert sich, dass ihre leibliche Mutter ihr überhaupt keinen Freiraum ließ. „Das hat mich sehr geprägt.“ Später schätzte Säly nichts mehr als Freiheit. Ihre Stiefmutter gewährte ihr diese. „Sie hat mich und meinen Bruder mit offenen Armen aufgenommen und uns eine wundervolle Kindheit mit viel Freiraum geschenkt.“

Panikattacken in der Disco

Bereits als Kind bemerkte Säly, dass sie Dinge spürte, die andere nicht spürten. „Ich fühlte die Emotionen der Menschen.“ In ihrer Jugend mied sie deswegen Menschenansammlungen. „Menschen wurden für mich zu einer Bedrohung. Ich nahm ihre Energien auf und konnte mich nicht abgrenzen und schützen. In der Disco und im Einkaufszentrum bekam ich Panikattacken.“ Dank einer Alternativmedizinerin wurde sie dieser aber Herr.

Nach dem Besuch der Gastgewerbefachschule ging die Montafonerin als Au-pair für ein Jahr nach Amerika. Nach ihrer Rückkehr lernte sie den künftigen Vater ihrer beiden Kinder kennen. Mit 27 bekam Säly ihren Sohn. Als ihr zweites Kind, eine Tochter, zwei Jahre alt war, wurde die zweifache Mutter krank. „Unter der Woche funktionierte ich. Doch an den Wochenenden sackte ich zusammen. Ich hatte keine Kraft und Lebensenergie mehr.“ Ein ganzes Jahr litt sie an dieser Schwäche.

Die Wende kam mit dem Anruf einer Bekannten. Diese wollte von Säly wissen, was man bei einer Nasennebenhöhlenentzündung tun könne. „Ich habe sie zu mir gebeten und meine Hände auf ihre Ohren gelegt. Auf einmal kamen Eiter und Wasser aus den Ohren dieser Frau.“ Säly war fasziniert von dem Geschehen. Gleichzeitig kam aus ihrem Innern der Impuls: „Ich möchte Menschen unterstützen, heil zu werden.“ Nun wollte die junge Frau mit der Kraft ihrer Hände helfen. Ein Bekannter riet ihr „Lomi Lomi“, eine Massageform, die aus Hawaii stammt, zu lernen. Diese traditionelle hawaiianische Massage ähnelt – zumindest in ihrer Ursprungsform – eher therapeutischer Körperarbeit als einer Massage und hat den Anspruch, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele zu behandeln.

Bei Schamanen auf Hawaii gelernt

Die Silbertalerin lernte die Lomi-Massage bei schamanischen Heilern auf Hawaii. Aber sie nahm von den Schamanen noch etwas anderes mit: das Reinigungsritual Ho’oponopono, ein traditionelles Verfahren der Hawaiianer zur Aussöhnung und Vergebung. „Damit kann ich alles auflösen, was sich im Unterbewusstsein manifestiert hat, alle negativen Erfahrungen, alle Traumen und Schockerlebnisse, welche einen auf dem weiteren Lebensweg blockieren.“

Mittels Trommeln gelange sie ins Unterbewusstsein des Klienten. „Ich schaue mir seine Seele an. Was sich in seiner Kindheit ereignet hat, bekomme ich über Bilder, Stimmen oder Emotionen herein.“ Mit dem Reinigungsritual könne sie auch Konflikte auflösen, selbst solche, die man mit Verstorbenen gehabt habe. „Ich kann mit ihnen kommunizieren.“

Eine Schamanin wurde zu ihrer Freundin. „Von ihr habe ich extrem viel gelernt. Sie motivierte mich, diesen Weg zu gehen und gab mir Sicherheit. Sie machte mir auch bewusst, dass ich hellseherische Fähigkeiten habe. Das überraschte mich selbst. Mir war nicht bewusst, was ich kann.“

In zwei Welten

Säly, die öfters nach Hawaii reist, um ihr Wissen aufzufrischen, freut es, „dass ich Menschen auf ihrem Weg weiterhelfen und dazu beitragen kann, dass sie ihre Bestimmung finden“. Die Montafonerin, die in zwei Welten lebt, in dieser und in der geistigen, ist nach jeder Behandlung „total erfüllt“ und voller Kraft. „Je mehr Energie ich gebe, umso mehr bekomme ich von oben.“ Seit sie diesen Weg geht, sagt sie, sei sie nicht mehr krank. Aber der schamanische Weg sei kein leichter gewesen. „Ich wurde verurteilt, habe gezweifelt und viel emotionalen Schmerz erfahren.“ Unter anderem musste sie den Verlust der Mutter verkraften, eine Scheidung, Krankheiten und Ängste. Doch nun fühlt sich Säly angekommen. Es erfüllt sie, für andere Menschen da sein zu dürfen. „Dass ich ein Werkzeug sein darf, macht mich demütig. Deswegen habe ich schon einige Male geweint.“

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