Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Erinnerung

Vorarlberg / 27.02.2018 • 17:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Professor hatte vor sich auf den Schreibtisch eine Tafel gestellt, darauf stand: „Erinnerung an das Vergessen!“

Es sollte bedeuten, dass er seinen Schreiber, der ihn jahrelang begleitet hatte, vergessen sollte. Er hatte ihn entlassen, weil er ihm nicht mehr nützlich sein konnte, seine Finger waren krumm von der Gicht, und so konnte er nur mehr herumsitzen. Da hatte ihn der Professor gebeten zu gehen. Er hatte kein Kündigungsschreiben verfasst, wollte es dem Schreiber mündlich vermitteln, um ihn zu schonen. Der Schreiber aber wurde böse und verlangte eine schriftliche Kündigung. Die verfasste der Professor mit Vorsicht und überaus schlechtem Gewissen. Er wusste, würde der Mann nicht mehr bei ihm arbeiten, müsste er anderswo um Geld bitten. Hätte der Professor genügend Geld gehabt, wäre alles kein Problem gewesen. Er hätte ihm jeden Monat eine Zahlung leisten können. So aber, und weil der Professor wieder einen neuen Schreiber einstellen musste, um sein Werk zu vollenden und diesen auch bezahlen musste, war es ihm nicht möglich, seinen alten Schreiber in Würde gehen zu lassen.

Nach dem Erhalt der schriftlichen Kündigung hatte der Schreiber seinen Mantel von der Garderobe gerissen und war hinaus in den Schnee geeilt. Es war im Jänner und sehr kalt. Er würde sich in seinem kleinen Zimmer aufhalten und mit Unverständnis und Hass an seinen Professor denken. Sie hatten sich immer gut verstanden. Er hatte die gescheiten Texte fehlerlos in ein großes Heft übertragen, immer zur vollsten Zufriedenheit des Professors. Aber da war die Gicht gekommen wie ein böses Urteil und hatte seine Finger so gekrümmt, dass er nicht mehr leserlich schreiben konnte und somit nutzlos gworden war. Ein Nichtsnutz also. 

Als Nichtsnutz saß er in seinem Lehnstuhl, vor sich eine Schale mit heißem Wasser, darin badete er seine Finger. Er hatte nicht gewusst, dass er rachsüchtig sein könnte, hatte nie über solche Dinge nachgedacht, aber jetzt, mit den kranken Fingern im heißen Wasser, hoffte er auf Rache. Der Professor sollte sich jede Stunde seiner erinnern, und das sollte ihn unglücklich machen. Der Professor dachte tatsächlich sehr oft und mit schlechtem Gewissen an seinen alten Schreiber, auch noch als der neue Schreiber bereits bestens eingearbeitet war. Er konnte den alten Schreiber nicht vergessen. Jeden Tag befahl er sich, ihn aus seinem Gedächtnis zu streichen. Er musste ihn vergessen! Aber es ging nicht. Deshalb schrieb er auf seine Tafel: „Erinnerung an das Vergessen!“

„Er hatte nicht gewusst, dass er rachsüchtig sein könnte, hatte nie über solche Dinge nachgedacht.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.