„Nie den Helden spielen“

Vorarlberg / 28.02.2018 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Friedrich Orter erzählt über sein Leben als Kriegsjournalist.APA
Friedrich Orter erzählt über sein Leben als Kriegsjournalist.APA

Friedrich Orter über Gräueltaten und Mitgefühl im Krieg.

Heidi Rinke-Jarosch

schwarzach Drei Jahrzehnte berichtete Friedrich Orter von den Kriegsschauplätzen der Welt. 2012, ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau Roswitha, ging er in Pension und ist seitdem als freier Autor tätig. Heute Abend erzählt er in Mäder über seine Einsätze als Kriegsjournalist und stellt sein neues Buch „Der Vogelhändler von Kabul“ vor.

 

Wann war Ihr erster Einsatz als Journalist in einem Kriegsgebiet?

orter Mein erster kriegsähnlicher Einsatz war im Dezember 1989 in Rumänien nach dem Sturz Ceausescus. Da geriet ich erstmals in Schießereien. Und in Temesvar sah ich die ersten Gefechtstoten.

 

Welcher Krieg bzw. welches Kriegsland hat Sie am stärksten geprägt?

orter Alle haben mich geprägt. Und alles war furchtbar. In Kroatien und Bosnien die Gräuel in fremder Nähe zur Heimat. Im Irak die zum Irrsinn gewordene Normalität. Am brutalsten war Syrien.

 

Gibt es denn in Syrien in absehbarer Zeit Chance auf Frieden ?

orter Nach einigen Hunderttausend Toten wird es eines Tages auch Frieden in Syrien geben. Aber es wird nicht mehr das Syrien sein, das wir gekannt haben.

 

Wie gehen Sie mit Gräueltaten um, mit denen Sie in den Kriegen konfrontiert wurden?

orter Mit Empathie. Die kann man ja auch – nicht im positiven Sinn – für Killer aufbringen. Nachvollziehbar ist das für mich alles nicht. Nur: Zuschauen geht nicht, wegschauen hilft nicht, verdrängen bringt nichts.

 

Es gibt Kollegen, die der Ansicht sind, dass man als Kriegsreporter kein Mitgefühl entwickeln darf.

orter Vielleicht solche Kollegen, die nie vor einem Leichenhaufen dem Wahnsinn nahe Mütter gesehen haben, die ihre erschossenen Söhne und Töchter zu identifizieren versuchten. Ich habe zu viele dieser Verzweifelten gesehen. Das lässt einen nicht kalt.

 

Gab es – außer Ihrer Ehefrau – Menschen in Ihrem „normalen“ Leben in Österreich, mit denen Sie über Erlebtes reden konnten und die Sie verstanden haben?

orter Natürlich, verstanden hat das keiner wirklich. Ein wohlmeinender Kollege sagte mir einmal verständnisvoll: „Ihr Kriegsreporter habt ja selbst alle einen Schuss im Kopf.“ Auch eine Erklärung.

 

2012 gingen Sie in Pension und arbeiten seither als freier Autor. Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

orter Weniger die Themen sind es, sondern mehr die Menschen, die Freunde und Kollegen, die ich in den Kriegsgebieten kennenlernte. Menschen, denen man mit bescheidenen Mitteln auch helfen konnte. Einige dieser Bekannten sind inzwischen leider tot.

 

Wie hat das digitale Zeitalter Krieg und Kriegsjournalismus verändert?

orter Unter dem Quotendruck muss alles rascher gehen. Handyjournalismus, sogenannte Bürgerjournalisten, sind eine zusätzliche Informationsquelle, die aber stets kritisch hinterfragt werden muss. Das ist eine zusätzliche Aufgabe der seriösen Kriegsberichterstattung. Das Medium hat sich verändert, das Sterben an den Fronten nicht.

 

Was raten Sie jungen Journalisten, die Kriegsreporter werden wollen?

orter Nie den Helden spielen. Denn der nutzloseste Reporter ist ein toter Reporter.

 

Zu Ihrem neuen Buch „Der Vogelhändler von Kabul“: Werden Sie wieder nach Afghanistan reisen, zu dem alten Vogelmarkt gehen, um Protagonisten wiederzusehen?

orter Wollen schon, aber es gibt noch so viele andere Gegenden, die ich nicht kenne. Der Zugvogel in mir zwitschert: Dort sollst du hin.

Zur Person

Friedrich „Fritz“ Orter

Geboren 10. Juli 1949

Wohnort Wien

Laufbahn Studium Slawistik, Geschichtswissenschaft, Germanistik, Philosophie, ORF-Sonderberichterstatter, Kriegsjournalist, Autor mehrere Bücher

Familie Witwer, eine Tochter

„Mäder trifft Fritz Orter“: Vortrag, Buchpräsentation „Der Vogelhändler von Kabul“. Donnerstag, 1. März, 19.30 Uhr, Pfarrzentrum Mäder. T: 05523 64007-40, maedertrifft@buecherei-maeder.at