Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Bist du nicht aus den Bergen?

Vorarlberg / 12.03.2018 • 18:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Endlich vorbei: der Winter. Endlich da: der Lenz. Frühling in seiner frischen, fluiden, grünen Sonnigkeit, mit Licht in der Früh und rosa Himmeln am Abend. Mit warmen Tagen und einer zuverlässigen Aperkeit: alles schneefrei, Straßen, Gehwege, Hänge und Hügel, nur oben behalten sich die Berge ein weißes DJ-Ötzi-Käpple.

Mit dem Schnee schmilzt auch die ihm stets immanente Aufforderung, seine Benefizien rentabel zu nutzen und effizient zu genießen. Was letztlich immer auf zwei rutschige Bretter hinausläuft, auf denen man schneebedeckte Hänge herunter rutschen kann. Nicht nur die Vorarlberger haben wenig Verständnis für Menschen, die derartigen Vergnügungen reserviert gegenüberstehen – zumal, wenn die Reservierten selbst aus dem bergigen, für herrliche Skigebiete berühmten Ländle stammen. Was, du fährst nicht Ski? Nein, ich fahre nicht Ski. Bist du nicht aus den Bergen? Nein, ich stamme aus einem Tal dazwischen. Ja, aber trotzdem? Deshalb bin ich doch in eine große, flache Metropole gezogen, weil es dort U-Bahnen und Trams gibt, die es dem Menschen ermöglichen, sich ohne Bretter oder Kufen fortzubewegen.

Finden die meisten Menschen nicht mal witzig, ich verstehe gar nicht warum. Wie kann man nicht Ski fahren! Und was ist mit den Kindern, dürfen die auch nicht? Doch, sie durften mit dem Kindergarten, mit dem Hort und mit der Schule waren sie auf Skiwoche. Aber man muss doch…! Nein.

Bloß fand ich mich dann selber furchtbar ignorant. Dickschädel, wirklich. Irgendwann war ich weichargumentiert, und als schließlich die Heranwachsenden ihr Recht auf Teilnahme am Ferien-Skivergnügen einforderten, gab ich nach, und wir fuhren in die Berge. Mit ordentlich Sorge um meine Haxen, denn die waren seit zwanzig Jahren nicht an Bretter geschnallt worden.

Aber siehe da, die Menschheit hatte in der Zwischenzeit Carver erfunden. Und schnelle, beheizte Sessellifte, und so viele davon, dass man kaum je anstehen musste. Die Berge waren, ich musste es zugeben, bewegend und herrlich, so von oben und in all dem in der Sonne glitzernden schneeweißen Schnee. Es machte viel mehr Freude als ich gedacht hatte. Wir fuhren die ganze Woche und im nächsten Jahr wieder und heuer noch einmal. Skifahren macht froh.

Aber wie jedes Jahr war ich am letzten Tag am frohesten darüber, dass alle heil wieder heim in die Stadt gekommen sind. (Die Nachbarin vom Mezzanin leider nicht. Kreuzbandriss. So gemein.)

Schön war‘s, und es reicht jetzt auch wieder. Ich will nichts ausschließen, aber ich glaube, Skifahren habe ich erstmal abgehakt.

Denn noch lieber als in Weiß erlebe ich die Berge in Grün, aper, mit Almen und Kühen, und auf festen, sicheren, rutschfesten Gummisohlen.

„Ich will nichts ausschließen, aber ich glaube, Skifahren habe ich erstmal abgehakt.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.