Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Herr Hase – ein Ostertraum

Vorarlberg / 27.03.2018 • 18:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Fünf Arbeitslose, in ihrem Elend vereint, saßen am Abend und bis spät in die Nacht an einem Küchentisch und ratschlagten über ihre Zukunft.

Amir, den sie Prinz nannten, sagte, er habe geträumt, dass sie an einem Tag sehr viel Geld verdienen würden, und dann, noch im Halbschlaf, war ihm eine Idee gekommen. Der Prinz hatte sich mit den hiesigen Bräuchen befasst, das kam ihm zu Ostern gerade recht. „Wir fünf“, sagte er, „werden uns eine Hasenmaske aufsetzen und bei den Häusern läuten. Wir werden ein Schild halten, auf dem steht: Wir kommen, um Geld für die Ostergeschenke zu sammeln, am Ostersonntag werden wir da sein.“

Kamal gab zu bedenken: „Wenn die Leute merken, dass wir Ausländer sind, werden sie sich verschließen.“

„Wir sind ja keine Ausländer“, sagte der Prinz, „wir sind Osterhasen. Außerdem haben wir Hans.“

In der Karwoche kauften sie sich in einem Spielzeugladen fünf Hasenmasken, sie nahmen die teuersten, die mit Fell. Zu Hause probierten sie die Masken und übten. Sie hoppelten wie Hasen und lachten sich schief. Hans, der Jüngste, wurde übermütig und schlug ein Rad, das gefiel den andern. Kurt ging in die Knie wie ein neugieriger Hase, der ein wenig Rückenschmerzen hat. Luca aber machte sich Gedanken über die Garderobe.

„Es ist gleichgültig, was wir tragen“, sagte der Prinz, „entscheidend ist der Hasenkopf. Wir müssen uns Körbe besorgen, sie mit grünem Stroh füllen, gekochte Eier anmalen, und die dann verteilen.“

So geschah es.

Am Ostersamstag läuteten sie an der ersten Tür. Ein kleines Mädchen öffnete und schrie: „Mama, Hilfe, Mama, der Osterhase ist da!“ Die Mutter, amüsiert über den Hasenmann, ließ sich ein Ei schenken und legte zwanzig Euro in den Korb. Herr Hase verbeugte sich. An der nächsten Tür öffnete der Hausherr, auch er war gut gelaunt und gab einen Zehner. So ging es in einem fort. Die Leute waren freigebig.

Die Freunde hatten sich auf Straßen aufgeteilt. Am Abend trafen sie sich. Nicht allen war es so gut ergangen. Kurt erzählte, eine Frau hätte ihm gedroht, die Polizei zu holen. Luca sei gefragt worden, wie er sich das vorstelle mit den Geschenken, wo er sie hinbringen wolle. Er hatte nicht verstanden, hatte sich verbeugt und war unverrichteter Dinge gegangen. Hans habe seinen Kunden erzählt, dass er sich am Ostersonntag hinter dem Haus aufstellen und sich kurz den Kindern zeigen würde. Das gefiel.

Am Ostersonntag dann verteilten sich die fünf Freunde und warteten hinter den Häusern auf die Kinder. Zum Glück schien die Sonne.

Die Kinder waren außer sich, als sie den Hasenmann sahen, der kurz darauf mit geschlossenen Knien davonhüpfte. Sie fanden die Geschenke der Eltern und glaubten an den Osterhasen, wie sie an das Christkind glaubten.

„Sie hoppelten wie Hasen und lachten sich schief.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.