„Ich war immer auf der Hut“

Vorarlberg / 27.03.2018 • 18:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Manfred Stadelmann wagte es lange nicht, seine Homosexualität offen zu leben. Kuster
Manfred Stadelmann wagte es lange nicht, seine Homosexualität offen zu leben. Kuster

Manfred Stadelmann liebt einen Mann. Er erlebte noch die Zeit, als die Polizei Jagd auf Homosexuelle machte.

Andelsbuch Er war zwölf Jahre alt, als der Bub aus Alberschwende bemerkte, dass ihn Männer faszinieren. Junge Handwerker, die im Nachbarhaus arbeiteten, lösten bei dem Buben eine Sehnsucht nach körperlicher Nähe aus. „Das waren die ersten Gefühle in diese Richtung“, erinnert sich Manfred Stadelmann (69). Aber das Gefühl blieb über Jahre diffus. „Ich konnte es nicht festmachen.“

Den ersten Sexualverkehr hatte er mit einer Frau. „Es war wenig befriedigend, eher irritierend.“ Der junge Bregenzerwälder wusste zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nicht, was mit ihm los war. „Homosexualität war mir unbekannt.“

1969 zog der gelernte Tischler nach Wien, machte zur Meisterprüfung noch die Matura und begann, Architektur zu studieren. Beim Erkunden der Stadt mit dem Fahrrad fuhr der junge Mann öfters durch den Rathauspark. Es entging ihm nicht, dass sich dort schwule Männer trafen. Es zog ihn auch zu jenem Lokal, in dem sich damals Homosexuelle trafen. „Ich bin zig Mal daran vorbeigegangen, ehe ich gewagt habe, das Lokal zu betreten. Wir mussten es öfters durch den Hinterausgang verlassen.“ Die Polizei führte immer wieder Razzien durch und machte Jagd auf Homosexuelle. „Man musste sich ausweisen und war damit registriert.“

Homosexualität war damals in Österreich noch strafbar. Erst 1971 wurde das Totalverbot für homosexuelle Handlungen aufgehoben. Gleichgeschlechtliche Sexualität wurde damals also notgedrungen im Geheimen gelebt. „Das prägte meinen Charakter. Ich war immer auf der Hut und vielen Menschen gegenüber sehr vorsichtig.“

„Das geht vorbei“

Weil es ein Tabuthema war, schaffte es Stadelmann über viele Jahre nicht, seine Homosexualität offen zu leben. Dem ersten, dem sich der damals 23-Jährige anvertraute, war sein Cousin, der ein Geistlicher war. Gegenüber seiner Familie verschwieg Stadelmann seine sexuelle Orientierung lange Zeit. Als er sich später dann doch outete, hieß es: „Das geht vorbei, das ist nur eine Phase.“

Mit 26 ging er erstmals mit einem Mann eine Beziehung ein. Diese währte aber nicht lange. „Wir waren ein Jahr zusammen und lebten unsere Beziehung im Geheimen. Dann starb mein Freund an Krebs.“ Daraufhin geriet Stadelmann in eine seelische Krise. Er verließ Wien, ging nach Deutschland und kehrte zwei Jahre später in seinen Geburtsort Alberschwende zurück.

Ab da engagierte er sich für seinesgleichen und setzte sich für ein offeneres Klima und die Akzeptanz von Schwulen ein. Stadelmann gründete die Homosexuellen-Initiative Vorarlberg und die Vorarlberger Aidshilfe mit. Außerdem war er für die Grünen aktiv. Die Antriebsfeder für sein Engagement: „Ich fand es ungeheuerlich, dass mich der eigene Staat als Kriminellen behandelt.“ Zu der Zeit gab es immer noch anti-homosexuelle Strafbestimmungen. Stadelmann störte es, „dass der Staat sich anmaßte, mir per Sondergesetz zu befehlen, wie ich zu leben habe. Es bedarf doch keiner Sondergesetze, wenn alle Bürger gleich sind.“

1995 lernte der Bregenzerwälder bei einer Benefizveranstaltung der Aidshilfe die Liebe seines Lebens kennen. „Er fiel mir unter 400 Besuchern auf.“ Mit Raimund lebt er bis heute. Als die beiden zusammenzogen, gab es nicht nur positive Reaktionen. „Man bewarf unsere Fenster mit Eiern. Kinder rannten durch den Garten und riefen Schwuli.“ Aber es gab auch Solidaritätsbekundungen. „In einigen Geschäften reichten uns fremde Menschen demonstrativ die Hand.“

Wenn das Kind anders tickt

Heute hat Stadelmann das Gefühl, „dass der Großteil der Gesellschaft uns wohlwollend behandelt“. Aber er traut diesem Wohlwollen nicht ganz, denn: „Wenn man an der Oberfläche kratzt und es um Rechte für Schwule geht, bröckelt die Solidarität.“ Deshalb ist der 69-Jährige der Meinung, dass es noch viel zu tun gibt: „Viel ist dann erreicht, wenn Eltern kein Problem mehr darin sehen, wenn ihr Kind anders tickt.“

„Ich fand es ungeheuerlich, dass mich der eigene Staat als Kriminellen behandelt.“

Buchtipp: Im „Bregenzerwald Lesebuch“ schreibt Stadelmann übers Anderssein.