77 Milliarden für die Forschung in Europa

Vorarlberg / 09.04.2018 • 19:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Der Vorarlberger Wolfgang Burtscher ist in Brüssel für die EU-Forschungsförderung zuständig.

Dornbirn Als Europas wichtigster Rohstoff gilt das Wissen. Nicht nur wirtschaftlich stellen Forschung und Innovation das wichtigste Fundament dar, auch gesellschaftlich werden viele Antworten gesucht; sei es im Kampf gegen den Klimawandel, im Kampf gegen Krankheiten, für erneuerbare Energien, für neue Mobilität. „Das ureigenste Interesse von Forschung und Innovation ist es, das Leben lebenswerter zu machen“, betont Wolfgang Burtscher. Der Bludenzer ist seit 2009 stellvertretender Direktor der Generaldirektion Forschung und Innovation der EU und somit an den Schalthebeln zur Steuerung der Wissenschaft in Europa.

Er ist überzeugt: „Forschungskompetenz ist kein Alleinstellungsmerkmal Europas mehr. Ich bin dankbar, dass Mitgliedsstaaten wie Österreich und Regionen wie Vorarlberg Forschung fördern. Aber in Summe der Mitgliedsstaaten ist es zu wenig.“ Deshalb hat die EU das Projekt Horizont 2020 ersonnen.

Österreich ist Nettoempfänger

Bis 2020 sollen rund 77 Milliarden Euro in Forschungsprojekte fließen. Seit 2014 wurden bereits 167.265 Projekte eingereicht, davon 18.359 mit mehr als 30 Milliarden Euro gefördert. Österreich befindet sich hier in der Riege der Nettoempfänger, wie Burtscher schildert: „Jährlich kommen 120 bis 130 Prozent des einbezahlten Betrags in diesem Bereich als Förderung zurück.“ Seit 2014 waren das 828 Millionen Euro. 151 Millionen davon gingen an sogenannte KMU, also an Klein- und Mittelbetriebe. Denn gefördert werden nicht nur Universitäten und Fachhochschulen, sondern auch Projekte der Wirtschaft.

Drei Spannungsfelder

Forschung also zum Wohle der Wirtschaft? Nicht nur, sagt Burtscher. „Alleine die Grundlagenforschung ist mit 24 Milliarden Euro budgetiert.“ Dort gebe die EU keine Themen vor. Weitere 31,5 Milliarden Euro sind für den Bereich „Gesellschaftliche Herausforderungen“ vorgesehen. „In diesem Bereich geben wir etwas vor. Wir sagen zum Beispiel, dass wir Projekte wollen, welche die Probleme der Alzheimerkrankheit lösen“, sagt Burtscher, und weiter: „Dazu brauche ich Grundlagenforschung, aber auch Betriebe, die Lösungen in das tägliche Leben bringen.“ Zwar existiere in der öffentlichen Diskussion ein Widerspruch zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung. „Aber die Grenzen verschwimmen immer mehr.“

Wenn Forschungsprojekte in Vorarlberg vorgestellt werden, sind sie meist technischer Natur, manchmal naturwissenschaftlicher, nur selten geisteswissenschaftlicher. „Mit diesem Spannungsfeld müssen wir uns ebenfalls auseinandersetzen“, sagt Burtscher. Geistes- und Sozialwissenschaftler seien per se kritisch, weshalb sie oft selbst bemängeln, dass sie stiefmütterlich behandelt werden.

Aber Forscher dieser Disziplin brauche es vor allem für eine Frage „Was nützen uns neue Technologien, wenn sie die Menschen am Ende nicht anwenden?“ Zudem sei die andere Herangehensweise wichtig. „Ein Techniker möchte selbstfahrende Autos erforschen, ein Sozialwissenschaftler fragt ihn: Wer ist schuld, wenn ein Unfall passiert?“, erklärt Burtscher. Deshalb sei es von EU-Seite gewünscht, dass an den Projekten auch Geistes- und Sozialwissenschaftler teilnehmen. Zudem fließe ein Teil des Forschungsbudgets in reine Studien in diesem Bereich. Auch beim Topf zur Grundlagenforschung würden sich nicht selten Historiker oder Soziologen bewerben.

Frage der Zugänge

Ein weiterer Gegensatz: Wie viel Freiheit soll ein Staat erlauben? Burtscher erzählt von Großbritannien zur Zeit um 1900, als erste Autos auf Londons Straßen unterwegs waren: „Dort wurde gesetzlich festgelegt, dass vor jedem Auto jemand laufen und eine rote Fahne schwingen muss, damit alle wissen, dass gleich ein Auto kommt. Wir lachen heute darüber, aber es stellt sich die gleiche Frage: Wann soll der Gesetzgeber tätig werden?“ In Europa sei zum Beispiel der Datenschutz wesentlich wichtiger als etwa in den USA oder China, wo digitale Unternehmen mehr Freiheiten hätten. „Das ist keine Frage von gut oder schlecht, es sind einfach unterschiedliche Zugänge.“ VN-mip

„Jährlich kommen 120 bis 130 Prozent des einbezahlten Betrags als Förderung zurück.“