„Für mich stand sofort fest, dass ich auf ihn schaue“

Vorarlberg / 18.04.2018 • 18:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nach Kurts Schlaganfall fand das Ehepaar Stöckl wieder zueinander. Nun wollen Ulrike und Kurt für immer zusammenbleiben.  VN/KUM
Nach Kurts Schlaganfall fand das Ehepaar Stöckl wieder zueinander. Nun wollen Ulrike und Kurt für immer zusammenbleiben.  VN/KUM

Das Ehepaar Stöckl lebte getrennt. Als Kurt einen Schlaganfall erlitt, kehrte Ulrike zu ihrem Mann zurück.

Partenen Ulrike Stöckl (65) berät einen Kunden. Der junge Mann möchte ein Mountainbike kaufen. Die beiden werden von Kurt Stöckl (69) beobachtet, der auf einem Stuhl sitzt. Ulrike und Kurt haben das Sportartikelgeschäft in Partenen im Jahre 1977 eröffnet. Inzwischen hat der Sohn des Ehepaars das Geschäft übernommen. Ulrike ist bereits in Pension, sie hilft ihrem Sohn aber manchmal aus. Auch Ulrikes Mann Kurt ist in Rente. Er ist aber nicht mehr arbeitsfähig, denn im Jahr 2012 erlitt er in Thailand einen schweren Schlaganfall.

Seither ist seine rechte Körperhälfte gelähmt. Aber nicht nur das. Sein Sprachzentrum wurde derart zerstört, dass er nicht mehr sprechen kann. „Als Kurt nach Österreich überstellt wurde, war in einem armseligen Zustand. Er konnte weder selbst essen noch gehen“, erinnert sich seine Frau Ulrike. Doch der Montafoner, der sein Leben lang ein begeisterter Sportler gewesen war, kam aus dem Rollstuhl heraus. „Er hatte den Ehrgeiz, wieder gehen zu lernen. Das war ihm wichtig. Also hat er fleißig trainiert“, berichtet Ulrike. Kurt hat aufmerksam zugehört. Der 69-Jährige steht vom Stuhl auf und geht ein paar Schritte. Er möchte zeigen, dass er wieder gehen kann, ganz ohne Gehhilfe.

Doch die Sprache ist nicht mehr zurückgekommen. Das erschwert die Kommunikation zwischen dem Ehepaar. Verschärfend kommt hinzu, dass Kurt auch nicht in der Lage ist, Buchstaben zu schreiben. Vielfach versteht sich das Paar, das sich im Jahre 1974 kennengelernt hat, aber auch ohne Worte. „Oft ist es so, dass er nur eine Handbewegung zu machen braucht, und dann weiß ich bereits, was er meint.“

Ulrike hat sich angewöhnt, ihm Fragen zu stellen. „Ich frage ihn so lange, bis wir am Punkt sind.“ Dennoch begreift sie nicht immer, was er will: „Dann verzweifelt er.“ Meistens aber siegt der Humor über die Verzweiflung. „Wir lachen viel miteinander, auch über seine Handicaps.“ Ulrike möchte sich eine Zigarette anzünden. Aber sie findet die Zigarettenschachtel nicht. „Hast du sie mir wieder versteckt“, fragt sie Kurt schmunzelnd. Dieser schaut sie mit großen, unschuldigen Augen an, dann bricht er in Lachen aus.

„Wir lieben uns immer noch“

Man merkt, die zwei verstehen sich gut. Aber das war nicht immer so. Von 2007 bis 2012 lebte das Ehepaar getrennt. Jeder lebte sein eigenes Leben. Als Kurt den Schlaganfall erlitt, kümmerte sie sich aber um ihn. „Ich habe ihn fast jeden Tag im Krankenhaus Rankweil besucht.“ Ulrike gibt offen zu, „dass ich für Kurt keinen Finger gerührt hätte, wenn wir uns spinnefeind gewesen wären. Aber wir vertrugen uns wieder.“ Nach seinem Spitalsaufenthalt ging es darum, wer ihn pflegt und zu sich nimmt. Ulrike fragte Kurt, ob er ins Pflegeheim oder zu einer seiner drei Schwestern wolle. „Er schüttelte den Kopf. Als ich ihn fragte, ob er zu mir wolle, nickte er heftig und zeigte wie aus der Pistole geschossen auf mich.“ Für Ulrike stand sofort fest, „dass ich auf ihn schaue. Denn er ist der Vater meiner Kinder. Außerdem haben wir uns ja einmal geliebt.“ Nachsatz: „Und wir lieben uns immer noch.“ Heute würden sie sich aber anders mögen als früher, sagt sie. „Diese Liebe ist von einer anderen, höheren Qualität. Jetzt ist es ein miteinander Altwerden.“

Liebgewordene Rituale

Kurt steht auf. Er zeigt nach draußen. Ulrike versteht ihn ohne Worte. Ihr Mann möchte spazieren gehen. Die 65-Jährige greift zu Kurts Jacke und hilft ihm, sie anzuziehen. „Man muss ihm wie einem Kind helfen“, zeigt Ulrike auf, dass ihr gehandicapter Mann im Alltag auf Hilfe angewiesen ist. Manche Hilfeleistungen sind zu einem liebgewordenen Ritual geworden, etwa das tägliche Anlegen der Handschiene am Abend. „Ich bringe Kurt zu Bett, lege ihm die Schiene an und dann geben wir uns einen dicken Gutenachtkuss“, sagt Ulrike. Ihre Blicke folgen ihrem Mann, der zur Tür hinausgeht.