Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Es wäre dann wieder grün

Vorarlberg / 23.04.2018 • 16:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Doris Knecht profitiert: Wer ewig Kind ist, braucht auch ewig Hilfe

Frau R. hat noch einmal geschrieben. Sie musste etwas richtigstellen: Ich schrieb, dass ihr kleiner Sohn verhindere, dass sie die Tannen vor ihrem Haus fälle. Sie schrieb, das sei ein Missverständnis, der Sohn sei gar nicht mehr so klein. Tatsächlich sei der Sohn 46 Jahre alt und lebe längst in einem anderen Teil von Österreich. Das hindere ihn allerdings nicht daran, Anspruch auf den Erhalt der Bäume vor einem Haus zu erheben, in dem er schon lange nicht mehr wohnt. Denn offenbar bleibt das Zuhause der Kindheit tatsächlich für immer auch das eigene Zuhause, in dem man für immer mitreden darf. Ich finde das eine sehr gerechte Geschichte, denn man bleibt in den Augen der Eltern ja auch für immer ein Kind, woran mich nicht nur Frau R.´s Mail, sondern auch der Besuch meiner Eltern wieder erinnerte.

Etwas derartiges wie ein erwachsener Sohn, eine erwachsene Tochter existiert in diesem Raumzeitkontinuum nicht: theoretisch ja, praktisch nein. Das war hier ja schon öfter Thema: Kinder werden älter, sogar alt, sie mögen ausgewachsen sein, einen schönen Faltenwurf im Gesicht haben, eigene Kinder, eigenen Erfolg, eigene Wohnung, eigenes Haus, ein eigenes Leben seit 30 Jahren, an den Schläfen oder am Ansatz ergrauendes Haar, eigene Enkelkinder sogar. Aber wenn die Eltern in der Nähe sind, ist man ein Kind und bleibt es, bis sie wieder in den Zug gestiegen sind.

Zum Beispiel, wenn der Vater, der daheim beim Autofahren seit einem halben Jahrhundert selbstverständlich immer am Steuer sitzt, als Beifahrer von Wien mit ins Waldviertel fährt. Es ist verkehrsmäßig einiges los in so einer Großtadt, vor dem ein Vater seine Tochter warnen muss: Da rechts blinkt einer! (Danke Papa, ich hab´s gesehen.) Es wäre dann wieder grün. (Mhm.) Bist du sicher, dass du auf der richtigen Spur bist? (Nicht ganz, Papa, ich fahre diese Strecke erst seit zehn Jahren fast jede Woche.) Der blinkt! (Ja, Papa, danke.) Ich fahre ja daheim nie so schnell…

Ich hab jetzt aber endlich gelernt, von den unschätzbaren Vorteilen dieses Systems zu profitieren. Einem ewigen Kind muss man ja auch ewig helfen. Man repariert dem Kind die morsche Bank vor dem Haus mit ordentlichen Brettern, montiert ihm den Heizstrahler im Bad und flickt die Patschen von allen Fahrrädern im Schuppen: Daaaanke, Papa!!! So toll, wirklich! Ohne dich wäre das noch ewig nicht gemacht. Wie schön, dass ich manchmal wieder ein Kind sein darf.

Notiz für den nächsten Besuch: Den Tisch im Gasthaus auf 12 Uhr reservieren, nicht auf 13 Uhr. Man isst um zwölf zu Mittag, nicht um eins. Ich weiß das jetzt wieder, und ich werde es mir merken: Ich bin ja ein braves Kind.

„Einem ewigen Kind muss man ja auch ewig helfen.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.