„Das Muttersein ist eine Erfüllung“

02.05.2018 • 17:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Angela Kreil (l.) und Antje Lange sind stolz auf ihre Kinder Lena Marie, Manuel und Johannes. Beide Frauen haben eine körperliche Beeinträchtigung. VN/Stiplovsek
Angela Kreil (l.) und Antje Lange sind stolz auf ihre Kinder Lena Marie, Manuel und Johannes. Beide Frauen haben eine körperliche Beeinträchtigung. VN/Stiplovsek

Zwei körperbehinderte Frauen wagten den Schritt in die Mutterschaft.

Dornbirn Antje Lange (38) erfuhr schon früh die Härten des Lebens. Mit 19 plagten sie Rückenschmerzen. Es stellte sich heraus, dass in ihrer Wirbelsäule ein Tumor wucherte. Sie überwand die Krebserkrankung, aber zurück blieb eine Gehbehinderung. „Zur Sicherheit nehme ich einen Stock.“ Ein Jahr nach der Krebs-OP erhielt die Lustenauerin erneut eine Hiobsbotschaft. „Ich ging zum Arzt, weil meine Hände sich auf einmal komisch anfühlten.“ Es stellte sich heraus, dass sie an Multipler Sklerose (MS) leidet. „Das war ein weiterer Schock für mich. Aber es musste weitergehen.“ Weil sie zunächst viele Krankheitsschübe hatte, konnte die Maturantin nur begrenzt einer Arbeit nachgehen. Später, als die Schübe ausblieben, studierte sie Sozialarbeit. Danach arbeitete sie einige Jahre im Suchtbereich.

Antje spritzt sich jeden Tag Medikamente und hat so die MS gut im Griff. „Ich habe aber nicht die Ausdauer eines Gesunden und muss mich mehrmals am Tag kurz hinlegen.“ Antje und ihr Partner überlegten lange, ob sie eine Familie gründen sollen. Beide wünschten sich ein Kind. „Aber ich hatte Bedenken. Ich fragte mich, ob ich genug Energie für ein Kind habe.“ Nach genauer Abklärung mit den Ärzten und vielen Gesprächen entschieden sie sich für ein Kind. Vor fünf Jahren wurde Johannes geboren. „Die ersten Monate waren anstrengend. Der Schlafmangel machte mir zu schaffen“, erinnert sich Antje. Ohne Unterstützung, so sagt sie heute, hätte sie es nicht geschafft. Sie wurde von ihrem Partner, ihren Eltern und der Familienhilfe unterstützt. „Sie gingen mit meinem Sohn spazieren oder zum Spielplatz.“

„Meine beste Lebensentscheidung“

Manchmal plagte sie deswegen ein schlechtes Gewissen. „Ich dachte mir: ,Du kannst das Kind doch nicht so oft abgeben und musst mehr Zeit mit ihm verbringen.“ Aber dann erkannte sie, dass ihr Sohn die Zeit mit den anderen genoss. Bis heute hat Antje keine Sekunde bereut, dass sie einem Kind das Leben geschenkt hat. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Denn das Muttersein ist so eine Erfüllung.“ Sie empfindet Johannes als ein Geschenk. „Er sagt dauernd liebe Sachen zu mir.“ Zuletzt wünschte er sich, bevor er in den Kindergarten ging, zehn Bussis von ihr. Die Mutter könnte noch viele andere Glücksmomente aufzählen. „Im Traum hat Johannes manchmal einen Lachanfall. Das rührt mich. Weil ich dann weiß, dass er ein glückliches Kind ist und es ihm an nichts fehlt.“

Oft tauscht sich Antje mit ihrer Freundin Angela Kreil (37) aus, die ebenfalls körperlich beeinträchtigt und Mutter ist. Angela kam mit einem offenen Rücken zur Welt. „Ich kann gehen, weil die offene Stelle weit unten am Rücken war.“ Aber sie spürt ihr Handicap jeden Tag. „Ich muss mich jeden Vormittag zwei Stunden hinlegen, damit ich den Anforderungen des Tages gewachsen bin.“

Kinder geben dem Leben Sinn

Die Behinderung erlaubt es ihr auch nicht, einer Arbeit oder Freizeitaktivitäten wie Wandern oder Radfahren nachzugehen. Aber dann kam Lena Marie. Sie fragte nicht, ob sie kommen darf. Mit 27 Jahren wurde Angela in das Abenteuer Kind geworfen. „Ich wurde überraschend schwanger.“ Die Schwangerschaft löste bei der Dornbirnerin eine Riesenfreude, gleichzeitig aber auch eine Riesenangst aus. „Bereits als Mädchen wusste ich, dass ich einmal Mutter werden möchte. Ich war babynärrisch und ging mit allen Babys in der Umgebung spazieren“, verrät sie. Aber sie hatte Angst, der Herausforderung Kind nicht gewachsen zu sein. „Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffe. Deshalb habe ich Hilfe organisiert.“ Eine Tagesmutter und eine Tante passten immer vormittags auf ihre Tochter auf. Rückblickend gibt Angela zu: „Das Muttersein ist herausfordernder und anstrengender als ich dachte. Aber es ist auch wunderschön.“ So schön, dass sie ein zweites Kind bekam. Manuel ist heute sechs Jahre alt. Ein Leben ohne Kinder könnte sie sich nicht mehr vorstellen. „Sie geben meinem Leben einen großen Sinn.“ Angela ist dankbar, „dass ich die Liebe, die ich in mir habe, weitergeben kann“. VN-KUM