Die 30-Millionen-Kinderstube

04.05.2018 • 16:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Becken werden ständig mit Wasser, das entgast, begast und gereinigt wurde, durchflutet. Die Felcheneier werden in Zugergläsern ausgebrütet. (r. unten). VN/RP
Die Becken werden ständig mit Wasser, das entgast, begast und gereinigt wurde, durchflutet. Die Felcheneier werden in Zugergläsern ausgebrütet. (r. unten). VN/RP

In der Brutanstalt des Landes werden jährlich Millionen Fischeier ausgebrütet.

Geraldine Reiner

Hard „Die sind gestern geschlüpft“, sagt Nikolaus Schotzko und zeigt auf einen wuselnden Schwarm in einem Wasserbecken. Die kleinen Kreaturen sind nur wenige Millimeter lang und fast durchsichtig. Am Bauch tragen sie einen Dottersack, von dem sie sich in den ersten Tagen ernähren. Es sind Äschenlarven. In freier Wildbahn legen die Weibchen ihre Eier in den Kiesgrund. In der Brutanstalt im Landesfischereizentrum in Hard dienen Brutrahmen als Kinderstube. „In Vorarlberg gibt es so gut wie keine Äschen mehr. Wir strecken die Brut vor, ziehen sie ein Jahr lang auf und setzten sie an geeigneter Stelle wieder aus“, erläutert Schotzko, Funktionsbereichsleiter für Fischerei und Gewässerökologie. 

Das Landesfischereizentrum wurde im Jahr 2002 eröffnet und gilt als das operative Zentrum der Fischerei in Vorarlberg. Im Obergeschoß sind die Büros der Fischereiverwaltung, der Sachverständigen für Fischereibiologie, des staatlichen Fischereiaufsehers für den Bodensee und des Fischereiverbands untergebracht, auch Fischereiausbildungen finden hier statt. Im Erdgeschoß und im Außenbereich dreht sich alles um die Aufzucht von Fischen. 

Millionen Fische

Die Brutanstalt, die seit den 1970er-Jahren am Auhafendamm 1 in Hard steht, geht auf einen Vertrag aus dem Jahr 1893 zurück, der Bregenzer Übereinkunft. Darin haben sich die Bodensee-Anrainerstaaten dazu bekannt, die Fischerei gemeinsam durchzuführen und die Fischarten zu erhalten und zu vermehren. „Wir haben Kapazität für 80 Millionen Felchen, heuer setzen wir rund 30 Millionen im Bodensee aus“, führt Schotzko aus. Hinzu kommen 200.000 Seeforellen, 40.000 Äschen, fast ebenso viele Bachforellen und 14.000 Nasen, die als Besatzfische für die Fließgewässer aufgezogen werden. Insgesamt gibt es am Bodensee sechs solcher Brutanstalten, fünf am Obersee und eine am Untersee.

„In den Vorarlberger Gewässern kommen 45 Fischarten vor. Von den 32 heimischen Arten sind knapp über 50 Prozent gefährdet. Es gibt keine andere Wirbeltierklasse, die einen so hohen Gefährdungsstatus aufweist“, unterstreicht der Funktionsbereichsleiter. Besonders stark bedroht sind die Äschen und die Nasen. Zurückzuführen ist das laut Schotzko auf den kanalartigen Ausbau der Fließgewässer, die Zerstückelung des Lebensraums durch Wanderhindernisse und die kraftwerksbedingten Abflussschwankungen. „Wir versuchen, die Fische wieder einzubürgern und noch bestehende Restbestände zu unterstützen.“

Erfolgreiche Einbürgerung

Bereits gelungen ist das mit der Seeforelle. „Sie war kurz vor dem Aussterben. Durch die Brutanstalt haben wir sie auf einen selbsterhaltenden Bestand gebracht und unterstützen sie nach wie vor“, zeigt der Sachverständige auf. Dafür gehen die Mitarbeiter des Landesfischereizentrums jedes Jahr auf Laichfischfang, befruchten die Eier, brüten sie aus und füttern die Larven mit lebendem Plankton und später mit Trockenfutter auf vier bis fünf Zentimeter an. „In der Größe setzten wir sie aus“, demonstriert Schotzko am lebenden Beispiel.

Die Eier der Felchen liefern die Berufsfischer Anfang Dezember am Auhafendamm 1 ab. Pro Zugerglas werden 3,5 Millionen Stück ausgebrütet. Kaum geschlüpft, schwimmen die Larven Ende März/Anfang April durch ein Rohr raus in die Becken und von dort – sobald der Dottersack aufgebraucht ist – weiter in den Transportbehälter. Ein kleiner Teil bleibt in der Brutanstalt, bis er drei, vier Zentimeter groß ist. Aus gutem Grund. „In letzter Zeit hat das Probleme mit dem Stichling überhandgenommen“, schildert Nikolaus Schotzko. Der rund acht Zentimeter große Störenfried ist ein Nahrungskonkurrent und frisst Felchenlarven, die kleiner als zwei Zentimeter sind. Wieso das so ist, wird derzeit untersucht.