Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Lang, lang ist‘s her

Vorarlberg / 07.05.2018 • 16:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Doris Knecht kann es immer noch riechen

Vorgestern hatte ich eine Lesung in Oberösterreich. Die Lesung fand in einem Pfarrheim statt, in einem Ort, der etwa so groß ist wie der, in dem ich geboren bin. Das Pfarrheim, in dem ich las, war ganz neu, erst vor einem Jahr eröffnet, groß, hell und luftig, viel Glas. Damit ich meine Sachen ablegen konnte, sperrte man mir unten im Keller einen Raum auf: den Jungscharraum. Und obwohl alles so modern und frisch war, dass man sogar die Farbe noch riechen konnte, fühlte ich mich dennoch erinnert ans Pfarrheim meiner Adoleszenz, in dem ich ordentlich viel Jugend verbracht habe.

Sehr, sehr lange ist das her, und ich hab viel vergessen, aber an ein paar Sachen erinnere ich mich noch:

Ich erinnere mich an das erste Livekonzert meines Lebens, das erlebte ich da in dem Pfarrheim. Ich weiß nicht mehr, wie der Musiker hieß, es war ein bärtiger amerikanischer Liedermacher, der in Vorarlberg lebte, im Unterland glaub ich. Ich war etwa zwölf, ein jüngerer Freund meiner Eltern (der Tschisi, es gab in den Siebzigern in jedem Freundeskreis einen Tschisi) nahm mich mit. Ich war begeistert von dem Konzert, unglaublich beeindruckt, völlig glücklich. Ich hielt den Mann damals für einen Superstar, was er vermutlich nicht war. Aber das Konzert zündete, löste etwas aus, war eine Initiation für die, ich weiß nicht genau, 1000 Konzerte, auf denen ich seither war: Das hat etwas berührt bei mir.

Ich erinnere mich an den damals muffigen Jungscharkeller, ich spüre noch den Handlauf, die metallenen Türgriffe der Jung­scharräume, ich glaube noch den leicht modrigen Kellergeruch zu riechen. Ein Tisch, von einer Korblampe beleuchtet, Papierrollen in einer Ecke, selbstgemalte Plakate an den Wänden, Faschingsfeste im großen Saal. Nur Erinnerungsfetzen, sehr alt, sehr unzuverlässig.

Ich erinnere mich an die Treppenstufen vor der gläsernen Eingangstür des Pfarrheims, Schieferplatten glaube ich, auf denen wir im Sommer saßen, davor Fahrräder, Vespas und Motocross-Maschinen. Das war später, nicht mehr Jungschar, sondern „Teestube“, das gab´s dort einmal die Woche, eine Art Saftbar für Jugendliche, mit Plattenspieler und Rockmusik. Ich erinnere mich an eine Platte der J. Geils Band, an Wolfgang Ambros und an die Doors. Ich erinnere mich an langhaarige Kerle auf den Stufen, mit einigen von ihnen bin ich immer noch befreundet. Ich hörte da zum ersten Mal Neil Youngs „Needle and the Damage done“, einer spielte es auf der Gitarre, und Bob Dylans „I shall be released“.

Ich erinnere mich, dass ich dort „Gehen“ von Thomas Bernhard las, ich erinnere mich nicht, warum.

Ich weiß gar nicht, ob es das Pfarrheim in dieser Form noch gibt. Das letzte Mal war ich dort, als meine Mutter dort ihren 50er feierte: Und das ist auch schon lange her.

„Nur Erinnerungsfetzen, sehr alt, sehr unzuverlässig.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.