Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Entscheidung über Leben und Tod

11.05.2018 • 17:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Nein, die Schließung der Balkanroute für Flüchtlinge war kein gutes Wahlkampfthema. Das muss man unterstreichen, nachdem der Schriftsteller Michael Köhlmeier beim Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten darauf hingewiesen hat. „Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben“, sagte er. Die Anspielung war klar: Sie galt Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der sich wehrte und kritisierte, dass die Aussage „eindeutig auf Nazis und Nazi-Kollaborateure“ abziele. Was eindeutig falsch ist: Gemeint waren Staaten wie die Schweiz, die sich weigerten, Juden aufzunehmen. Und zwar schon vor der Massenvernichtung. Im Juli 1938 konnten sich beispielsweise Vertreter von 32 Ländern nicht darauf verständigen, die Fluchtmöglichkeiten auszuweiten. Dabei hatte immerhin US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu dieser Konferenz von Évian (Frankreich) geladen.

Die Flüchtlingskrise 2015 ist ein eigenes Kapitel. Insofern war Kurz genötigt, darauf zu reagieren; das ist schon richtig. Dieses Kapitel hat jedoch ebenfalls eine beklemmende Dimension: Auf der einen Seite hatten sich Hunderttausende nach Zentraleuropa aufgemacht. Darunter Gauner, die einfach nur die Gunst der Stunde nutzen wollten, über offene Grenzen zu kommen. Auf der anderen Seite war es in diesem Ausnahmezustand, wie ihn hierzulande kaum noch jemand aus eigener Erfahrung gekannt hatte, notwendig, zu handeln. Unterm Strich hatte das jedoch eine Konsequenz, die bis heute verschwiegen wird: Das war auch eine Entscheidung über Leben und Tod für Männer, Frauen und Kinder, die sich unter diesen Umständen gezwungen sahen, in Syrien oder Afghanistan zu bleiben.

Da sollte man sich nichts vormachen. Wenn man die aktuellen Zustandsbeschreibungen des österreichischen Außenministeriums liest, bekommt man eine Ahnung, wie gefährlich das Leben im Osten noch immer ist: „Syrien ist ein Kriegsland mit landesweiten Kampfhandlungen.“ Zu Afghanistan heißt es: „Im ganzen Land besteht das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen einschließlich Entführungen, Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle.“

Natürlich ist es für viele Menschen dort möglich, sich z. B. in den Libanon zu begeben. In Spitzenzeiten lebten im Sechs-Millionen-Einwohner-Land, das nicht einmal so groß ist wie Tirol, aber schon eineinhalb Millionen Flüchtlinge. Das war für sich schon eine humanitäre Katastrophe.

Das ist der Hintergrund, vor dem die Schließung der Balkanroute erfolgt ist. Er zeigt, dass sie bei allen Gründen, die dafür gesprochen haben, keine politische Großtat war, auf die man stolz sein kann, sondern eine unglaublich schwierige und ebenso traurige Entscheidung. Dessen sollte man sich bewusst sein.

„Die Schließung der Balkanroute war keine politische Großtat, auf die man stolz sein kann, sondern eine unglaublich schwierige und ebenso traurige Entscheidung.“

Johannes Huber

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