„Ich lache und bin dankbar für mein Sein“

13.05.2018 • 16:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ingeborg Wirtitsch hat ihr Schicksal in die Hände Gottes gelegt. „Ich habe ein kindliches Gottvertrauen.“ VN/kum
Ingeborg Wirtitsch hat ihr Schicksal in die Hände Gottes gelegt. „Ich habe ein kindliches Gottvertrauen.“ VN/kum

Rückblickend sieht Ingeborg Wirtitsch (59) die Schicksalsschläge als Segen an.

Dornbirn. Ingeborg Wirtitsch (59) ist zu Recht stolz auf sich. Denn sie hat in ihrem Leben schon viele Herausforderungen gemeistert. „Ich musste mich ein paar Mal neu erfinden.“ Ihre Kindheit war lieblos, sagt sie. Aber darin sieht die Dornbirnerin heute ein Geschenk. „Dadurch habe ich gelernt, mir selbst Liebe zu schenken.“ Sie sei ein trauriges Kind gewesen. „Aber ich richtete meinen Fokus auf Gott. Der hielt mich.“

Mit 17 wollte sie Nonne werden. Aber dann lernte sie ihren Mann kennen. Fortan gab es die beiden nur mehr im Doppelpack. Dieter wurde zu „meinem Leben“. Mit ihm gründete sie eine Familie. Der Ehe entsprangen zwei Söhne. „Er war ein unglaublich liebevoller Mann. Doch ich sah auch seine Traurigkeit.“ Gegen diese kam sie nicht an. „Ich konnte ihm nicht helfen.“ Die Außendienstmitarbeiterin war noch keine 40, als er sich das Leben nahm. Der Beruf und die Kinder trugen die junge Witwe über die schwere Zeit. Auch das Schreiben von Gedichten half ihr, den Verlust zu verarbeiten.

Ein Gottvertrauen

Der Tod ihres geliebten Mannes war nicht der erste Schicksalsschlag, den die Dornbirnerin verkraften musste. Sie war 34, als man ihr mitteilte, dass sie an Schilddrüsenkrebs leidet. „Bevor man den Tumor entfernte, sagte man mir, dass es möglich sei, dass ich die Stimme verliere.“ Überhaupt hatte es dieses Jahr in sich. Ärzte entdeckten, dass ihre Halswirbelsäule seit ihrer Geburt schwer deformiert war. „In der Klinik in Innsbruck sagte man mir, dass es sein könne, dass ich mit 50 vom Hals abwärts gelähmt bin.“ Daraufhin begann Ingeborg Thai Chi zu praktizieren und sich mit alternativen Heilmethoden wie Kinesiologie, chinesischer Medizin, Akupunktur und Farbtherapie (Aura Soma) auseinanderzusetzen. Am meisten half ihr aber das Gottvertrauen. „Ich war im absoluten Vertrauen, dass Gott meine Wirbelsäule stützt und legte mein Schicksal in seine Hände.“

Selbst zahlreiche Schicksalsschläge konnten ihr Gottvertrauen nicht erschüttern. 2001 erlitt Ingeborg einen Skiunfall. Sie verletzte sich so schwer, dass sie ein halbes Jahr im Krankenstand bleiben musste. „Eine Halsrippe musste entfernt werden.“

Zusammengebrochen

Damals dachte sie, „dass ich das Schlimmste hinter mir hätte“. Aber sie irrte sich. „Der Weg in die Berufsunfähigkeitspension war das Schlimmste.“ Ingeborg hatte viele Jahre hart gearbeitet, eine 60-Stunden-Woche war die Regel für die Außendienstmitarbeiterin. „Es kam mir nicht so viel vor. Denn die Arbeit erfüllte mich total.“ Aber irgendwann machte ihr Körper nicht mehr mit. Im Jahr 2006 erlitt sie einen Zusammenbruch. Sie fand danach zwar wieder mit viel Mühe eine Arbeit, war aber nicht mehr belastbar. „2008 hatte ich erneut einen Zusammenbruch.“ Jetzt machte sich ihre deformierte Wirbelsäule bemerkbar. „Ich hatte am ganzen Körper Schmerzen und litt an Schwindel.“ Sie war nicht mehr in der Lage, die Stiege hinunterzugehen. „Schon der Weg ins Bad war für mich eine Tortur.“ Sie schämte sich dafür, dass sie krank war und nicht mehr arbeiten konnte. „Ich fühlte mich wertlos.“

Weil sie körperlich ganz unten war, suchte sie um die Invaliditätspension an. Um diese musste sie hart kämpfen. „Ich kam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr leben wollte. Ich bat den Herrgott, mich zu sich zu nehmen oder mir einen Weg aus der Not zu zeigen.“ Die Wende sei gekommen, als sie aufhörte zu kämpfen. „Ich wehrte mich nicht mehr und ließ alles geschehen.“ Seit 2016 ist Ingeborg nun in Pension. „Es geht mir heute gut. Inzwischen kann ich mit den Gliederschmerzen gut umgehen“, sagt sie. Im Vorjahr musste sie aber erneut einen Verlust verkraften. „Der Tod meines Neffen traf mich massiv. Mit ihm verlor ich meinen besten Freund und meinen Anker.“ Wie so oft in ihrem Leben waren es der Glaube, der sie tröstete, und das Schreiben von Gedichten. Aber auch ihre zwei Kinder sind ihr eine Stütze. Ingeborg musste in ihrem Leben schon einige Menschen loslassen, die sie geliebt hat. „Du fühlst dich hilflos, dann kann man sich nur nach oben wenden“, meint sie. Die 59-Jährige fühlt sich vom Herrgott beschützt und geliebt. „Ich liebe, lache und bin dankbar für mein Sein.“

„Hätte auch zerbrechen können“

Die Krisen in ihrem Leben sieht sie rückblickend als Wachstumsschübe und damit als verkappten Segen. Sie sei dadurch mitfühlender geworden, demütiger, dankbarer und zufriedener. „Wenn es kein Leid gäbe und wir nur im Glück leben würden, dann würden wir dieses nicht schätzen. Dann wäre es für uns selbstverständlich. Alles Selbstverständliche wird nicht gewürdigt.“

Die Natur macht ihr vor, wie man mit Krisen umgeht. Ingeborg hat sie sich zum Vorbild genommen. „Wenn ein Sturm kommt, legt sich jeder Grashalm flach auf die Erde. Beim ersten Sonnenstrahl steht er wieder auf, als ob nichts gewesen wäre.“ Das Leben hat Ingeborg nicht gebrochen. „Ich hätte auch zerbrechen können. Aber wenn man sich nicht mehr wehrt und akzeptiert, dann zerbricht man auch nicht.“ 

„Ich schämte mich dafür, dass ich krank war und nicht mehr arbeiten konnte.“