„Die einen haben die Kaufkraft und wir haben die Straße“

14.05.2018 • 21:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Manfred Hagen forderte eine Verkehrserregerabgabe als Maßnahme gegen das Verkehrsaufkommen durch Einkaufsfahrten auf die grüne Wiese.
Manfred Hagen forderte eine Verkehrserregerabgabe als Maßnahme gegen das Verkehrsaufkommen durch Einkaufsfahrten auf die grüne Wiese.

Bedarf an neuen Lösungen für Handels- und Verkehrspolitik im unteren Rheintal.

Lustenau Drei Jahre beschäftigten sich die Lustenauer Gemeindepolitiker mit dem Projekt Ikea, viel länger schon mit der Verkehrslawine, die sich tagtäglich durch Lustenau wälzt. Schlussendlich sorgte eine Mischung aus Frust über den Verkehr und Kritik an überregionalen Handelskonzernen sowie eine Strategieänderung des Möbelhauses dafür, dass das Projekt begraben wurde. Doch „Fragen bleiben“, stellte am Montagabend VN-Redakteur Klaus Hämmerle als Diskussionsleiter beim VN-Stammtisch zum Thema „Quo vadis Handel im Rheintal“ und bat dann vor rund 100 Besuchern im Competence Center Lustenau die Teilnehmer der Diskussion um ihre Einschätzung der Lage und ihre Vorschläge für eine weitere Entwicklung. Am Podium begrüßte er den für Verkehr, Wirtschaft und Raumplanung zuständigen Landesrat Karlheinz Rüdisser, den Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer, Hannes Lindner, ausgewiesener Fachmann für Standortbewertung und Handelsanalytik, und den Verkehrsexperten Werner Rosinak, der derzeit an einem Mobilitätskonzept für Vorarlberg arbeitet.

„Größte Chance“

„Uns wurde drastisch die Verkehrssituation im Ort vor Augen geführt“, schilderte Bürgermeister Fischer die vergangenen Monate, und auch die Tatsache, „wie dynamisch der Handel im Wandel ist“, habe er erkennen müssen. Man werde aber nicht „nochejassen“. Doch er hadert durchaus damit, dass die Marktgemeinde Lustenau an Kaufkraft verliert, man dürfe den Handel nicht einfach aufgeben. Unterstützung fand er dafür beim Lustenauer SPÖ-Urgestein Walter Bösch, der betonte, dass „in Lustenau eine der größten Chancen willkürlich vertan wurde,“ und bedauernd feststellt, dass der Verkehr bleibt, aber die Kaufkraft an andere Standorte im Rheintal und vor allem an Dornbirn verloren gehe.

Verkehrsplaner Rosinak erklärte die veränderte Wahrnehmung der Gesellschaft in Sachen Verkehr anhand von fünf Punkten – beginnend damit, dass man in den 70er-Jahren noch danach trachtete, EKZ, die gut erreichbar sind, zu bauen. Die zweite Form sei die Verträglichkeitsprüfung gewesen, dann folgte die Erkenntnis, dass „das Glas voll ist“, dass jede Erweiterung Zusatzverkehr generiere und die Belastung vergrößere. Punkt vier sei, dass man Mobilitätskonzepte entwickle und Punkt fünf sei dann eine Wachstumsdebatte. „Wir stellen einen generellen Standortwiderstand fest“, so Rosinak, eine neue Debatte, in der es um Gesamtlösungen gehe, und Mobilität sei ein Teil davon.

Rüdisser wiederum sieht den Handel im Land grundsätzlich gut aufgestellt, man nutze die Chancen, die sich etwa durch die Kunden aus der Schweiz und Liechtenstein bieten und habe auch Potenzial im Möbelhandel erkannt. Dass der Investor dann anders entscheidet, müsse man akzeptieren. Aber man müsse auch erkennen, dass ein erheblicher Strukturwandel im Handel stattfinde, der zunehmend alle Bereiche des Handels treffe. Handelsforscher Lindner plädierte dafür, dass Vorarlberg die derzeit noch spezielle Lage – nämlich dass der stationäre Handel noch zulege – nicht leichtfertig verspiele. Der Internethandel „beginnt gewaltig zu rollen“. Der stationäre Handel müsse sich rüsten, plädiert er etwa dafür, dass der Messepark ausgebaut werden kann. „Es braucht Leuchttürme“, sagt er und nennt neben Dornbirn nur Hohenems und Feldkirch als solche. Der grüne Lokalpolitiker Manfred Hagen forderte neue Verkehrskonzepte und z. B. eine Verkehrsabgabe, Unternehmer Marbod Lingenhöle eine Fortsetzung der Handelspolitik des Landes. „Wenn es uns im Land wichtig ist, dass es mehrere Zentren in den Regionen gibt, muss man das unterstützen.“

Wenn sich der Handel entwickeln und die Verkehrssituation sich verändern soll, so Verkehrsplaners Rosinak in der sachlich geführten Diskussion, dann müssen neue Wege des Diskurses gefunden werden.

Verkehrsexperte Werner Rosinak, LSth. Karlheinz Rüdisser, VN-Redakteur Klaus Hämmerle, Bgm. Kurt Fischer und Handelsfachmann Hannes Lindner am Podium.
Verkehrsexperte Werner Rosinak, LSth. Karlheinz Rüdisser, VN-Redakteur Klaus Hämmerle, Bgm. Kurt Fischer und Handelsfachmann Hannes Lindner am Podium.

Stimmen vom VN-Stammtisch

Mit dem Verkehrsargument wird die Entwicklung Lustenaus massiv behindert. Auch ohne Ikea wird der Verkehr durch Lustenau rollen. Wir haben eine große Chance willkürlich vertan.“ Walter Bösch, Gemeindevertreter der SPÖ

 

Lassen sie mich einen Vergleich ziehen: Denken Sie an eine römische Arena. Der stationäre Handel ist der Gladiator, Amazon und Co sind die Bestien. Doch die Gladiatoren stehen ihnen gefesselt gegenüber, können sich nicht wehren. Hannes Lindner, Handelsforscher, plädiert dafür, dass man dem stationären Handel bessere Möglichkeiten zur Entwicklung gibt.

 

Wir haben in der Diskussion einen „Patienten“ vergessen, den Konsumenten. Ich glaube, die Kunden wären zu 70 Prozent für eine Ikea-Ansiedlung gewesen. Nochmals Hannes Lindner

 

Ich gehe gerne in den Rheinpark, dort ist Platz und ich kann Schweizer Zeitungen lesen. Manfred Hagen, Grüne, argumentiert, dass der Rheinpark trotz Parkplatz- bzw. Verkehrserregerabgabe sehr attraktiv ist.

 

Ich glaube, wir sind von den Wünschen in Sachen Handel und Verkehr gar nicht weit entfernt. Was wir brauchen, ist nicht entweder – oder, sondern sowohl als auch. Karlheinz Rüdisser, Landesstatthalter

 

Wir müssen auch in den Zentren unsere Hausaufgaben machen. Ganz wichtig ist, dass wir auf die soziale Komponente achten, die der stationäre Handel in Ortszentren bieten kann. Manfred Böhmwalder, Wirtschaftsgemeinschaft Götzis

 

Es glaubt doch niemand ernsthaft, dass durch eine Verkehrserreger-Abgabe das Mobilitätsverhalten geändert wird. Karlheinz Rüdisser, Landesstatthalter

 

Erwachsene haben einen großen Widerstand, sich etwas erklären zu lassen. Wir müssen neue Wege finden, wir die von uns erhobenen Fakten den Menschen erklären. Werner Rosinak, Verkehrsexperte

 

Im Zentrum backen wir ganz kleine Brötchen. Eine Marktgemeinde, die im Handel w.o. gibt, gibt uns zu denken. Kurt Fischer, Lustenaus Bürgermeister, weist darauf hin, dass Lustenau lediglich 17.000 Quadratmeter Verkaufsflächen besitzt. „Tendenz abnehmend.“

Vom VN-Stammtisch in Lustenau berichten: Andreas Scalet, Sabrina Galehr (Texte); Roland Paulitsch (Fotos)