Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ein Ritual

15.05.2018 • 16:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In Köln an der Eisenbahn- und Fußgängerbrücke über den Rhein hängen unzählige Schlösser, ein Reisender wusste, es waren über zwei Millionen.

Junge Menschen kaufen sich ein Schloss und besiegeln damit ihre Liebe, sie soll ewig währen, sie werfen den Schlüssel in den Rhein. Auf dem Grund ist der Boden mit Schlüsseln bedeckt. Die jüngsten Verliebten sind acht Jahre, das wusste der Reisende ebenfalls. Sie haben sich nach der Schule verabredet, sind in ein Geschäft gegangen, in dem es Schlösser zu kaufen gibt, Schlösser aller Art, und sie haben sich jeder ein Schloss mit Schlüssel gekauft. Der Geschäftsinhaber ist glücklich über so viel Kundschaft. Sein Geschäft blüht. Wie lange wird das noch dauern?

„Verliebte“, so schwadronierte der wissende Reisende mit Schirmkappe, „gibt es in allen Altersklassen!“, und so gebe es auch kein Alter für den Kauf eines Schlosses.

Ich wollte einwenden, erfahrenen Verliebten müsste bekannt sein, dass ein Schloss gleichbedeutend mit Eingesperrtsein ist, umso schlimmer, wenn es den Schlüssel nicht mehr gibt.

„Nehmen Sie es als Symbol“, sagte der Reisende. „Es kann eine Zeitlang alles sein und dann auf einmal nichts mehr.“

Ob das Gewicht der Schlösser der Eisenbahnbrücke irgendwann zu viel werden könnte, wollte ich fragen, was eine dumme Frage wäre, wenn man bedenkt wie viel Lastzüge mit schweren Frachten unterwegs sind.

„Einer hat mit den Schlössern angefangen“, sagte ich zu dem Reisenden, der seine langen Beine ausstreckte.

„Zwei“, sagte er, „richtigerweise ein Paar war zuerst, ein Paar, das sich an den Geleisen vorbeigedrückt hat, um sein Liebesschloss anzubringen. Ich nehme an, dass er oder sie schon davon gehört hatte und es nachmachen wollte. Zu dem ersten Schloss kam das zweite, und so in einem fort, irgendwann waren es Gruppen von Menschen, die aus Bussen stiegen und sich im Geschäft mit den Schlössern anstellten. Ein Schild hatte ihnen den Weg gezeigt.“

„Da könnte man bereits von einem Ritual sprechen“, sagte ich und schaute dem Reisenden ärgerlich auf die langen Beine, die mir nicht erlaubten, es bequem zu haben. Ich saß mit angezogenen Beinen da und überlegte. Irgendwann hat das mit Liebe nichts mehr zu tun, dachte ich vor mich hin, es geht nur darum wer welches Schloss wo anbringt.

„Schauen Sie!“, rief der Reisende auf einmal. Über den Schlossern, die übereinander und durcheinander an dem Zaun hingen, war darüber gesprüht worden, so eng hingen sie, Zeichen, die ich nicht deuten konnte, aufgesprüht wie auf eine Wand. Kein Schloss hat hier mehr Platz.

„Was tun die Jugendlichen jetzt, wenn sie meinen, verliebt zu sein und für ewig zusammen bleiben zu wollen?“, fragte ich.

„Junge Menschen kaufen sich ein Schloss und besiegeln damit ihre Liebe, sie soll ewig währen, sie werfen den Schlüssel in den Rhein.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.