Sorge um das medizinische Angebot

Vorarlberg / 27.05.2018 • 20:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jetzt muss auf politischer Ebene um jede Leistung gefeilscht werden. Die Ärzte fürchten, dass die Verhandlungen zulasten der Patienten ausfallen. Apa
Jetzt muss auf politischer Ebene um jede Leistung gefeilscht werden. Die Ärzte fürchten, dass die Verhandlungen zulasten der Patienten ausfallen. Apa

Vieles, was in Vorarlberg möglich ist, gibt es in anderen Bundesländern nicht.

Dornbirn Die Kassenreform sorgt für politischen Wellengang. Zu unpräzise sind den an der Ausgestaltung des Gesundheitssystems beteiligten Verantwortlichen die Pläne der Bundesregierung. Besonders der Begriff von der „Leistungsharmonisierung“ sorgt für heftige Spekulationen. So befürchtet etwa die Ärzteschaft, dass sich unter eben diesem Deckmantel eine spürbare Verschlechterung für die Patienten verbirgt. Diesbezügliche Warnungen kommen vor allem aus Vorarlberg, wo das Angebot heute schon teilweise deutlich besser ist als im Österreichschnitt. So dürfen etwa Allgemeinmediziner in Vorarlberg auch Ultraschalluntersuchungen durchführen. Ein Unikum, denn in den meisten anderen Bundesländern ist das nicht erlaubt.

Das steht auf dem Spiel

Doch nicht nur diese Leistung steht nach Meinung der Ärzteschaft auf dem Spiel. Ebenfalls gefährdet sehen sie:

24-Stunden-Blutdruckmessungen durch Hausärzte/Allgemeinmediziner: sind in den meisten anderen Bundesländern nicht erlaubt.

Ergometrie durch Hausärzte/Allgemeinmediziner: ist in den anderen Bundesländern gar nicht erlaubt.

EKG durch Hausärzte/Allgemeinmediziner: in anderen Bundesländern zum Teil nur im Notfall erlaubt.

Psychotherapie durch Hausärzte/Allgemeinmediziner: in den meisten anderen Bundesländern nicht erlaubt.

Telefonordination: in Vorarlberg dürfen die Ärzte, ebenfalls im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern, ihre Patienten telefonisch beraten und dies mit der Gebietskrankenkasse abrechnen.

Dringlichkeitsterminsystem: gibt es nur in Vorarlberg. Fachärzte bieten außerhalb ihrer Öffnungszeiten Termine für dringend notwendige Abklärungen an; Termine werden vom Allgemeinmediziner direkt über ein eigens entwickeltes elektronisches System gebucht, der Patient erhält unverzüglich die notwendige Behandlung. Bei einer Leistungsharmonisierung werde es dieses System wahrscheinlich nicht mehr geben, da es ein zusätzliches Angebot sei und daher zusätzliches Geld koste, mutmaßen die Ärztevertreter.

Vorarlberg hat nach Wien die höchste Facharztdichte in Österreich; dennoch bestehen teilweise lange Wartezeiten; bei einer Leistungsharmonisierung sei zu befürchten, dass die Arztdichte österreichweit vereinheitlicht werde, und es keine Nachbesetzung von Kassenstellen mehr gebe.

Teure Harmonie

Alles das könnte eine Leistungsharmonisierung zu Fall bringen, fürchten die Mediziner, weil eine österreichweite Gleichschaltung des Angebots ihrer Ansicht nach auf eher niedrigem Niveau erfolgen würde. Eine Orientierung an den besten Leistungen käme nämlich teuer. Geschätzte Kosten: eine Milliarde Euro zusätzlich. „Allein alle Leistungen der sozialen Krankenversicherung auf 70 Prozent des höchsten Niveaus zu heben, würde bereits 390 Millionen Euro kosten“, zitieren Ärztekammerpräsident Michael Jonas (61) und Kurienobmann Burkhard Walla (51) aus einer Studie der „London School of Economics“. Im Hinblick darauf und die seit Jahren bestehenden chronischen Geldnöte der sozialen Krankenversicherung liege es nahe, dass eine Leistungsharmonisierung nur auf einem sehr niedrigen Niveau erfolgen werde können. Das Argument der Bundesregierung, im System und nicht bei den Leistungen zu sparen, wird als reines Wunschdenken abgetan. Die Ärztekammer verweist zudem auf führende unabhängige Experten wie die Rechnungshofpräsidentin Margit Kraker sowie den IHS-Ökonomen Thomas Czypionka, die die von der Bundesregierung kolportierten Einsparpläne ebenfalls bereits stark angezweifelt haben.

Wie realistisch die Sorgen sind, macht die Ärztekammer an einem Beispiel deutlich. Vor rund einem halben Jahr war geplant, gemeinsam mit der Krebshilfe ein verbessertes Prostata-Vorsorgeprogramm einzuführen. Das Vorhaben wurde vom Hauptverband in Wien mit Hinweis auf die Leistungsharmonisierung untersagt. Für Michael Jonas und Burkhard Walla unverständlich: „Regionale Innovationen führen dazu, dass einzelne Bundesländer mit guten Beispielen vorangehen und andere sich daran orientieren können. Es steht zu befürchten, dass solche Innovationen in Zukunft nicht mehr möglich sind, eine inhaltliche Verkrustung des sozialen Krankenversicherungssystems ist zu erwarten.“ VN-MM

„Es ist eine inhaltliche Verkrustung des sozialen Krankenversicherungssystems zu erwarten.“