Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ehemaliger Verbrecher

19.02.2019 • 11:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Es ist so großartig, anständig zu sein“, sagte der ehemalige Verbrecher. „In ein Geschäft zu gehen und nichts zu stehlen. Nicht zu betrügen. Nicht zu lügen. Gut, lügen manchmal, aber nicht kriminell. Nur wenn ich einen Termin versäume und sage, der Zug hatte Verspätung. Nur harmlos lügen. Jahrelang habe ich betrogen. Irgendwann quälte mich ein schlechtes Gewissen. Das war, als ich wegen Einbruch in ein Schmuckgeschäft erwischt worden war. Da hatte ich zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen. Warum tu ich das, fragte ich mich. Ich habe gestohlen und musste das Gestohlene verstecken. Was sollte ich mit dem Zeug! Alles kriminell Erworbene habe ich der Polizei übergeben. Sie waren freundlich zu mir. Ein Gefängnispsychologe riet mir zu einer Entgiftungskur – süchtig war ich zudem, was aber keine Entschuldigung ist. Er riet mir zu einer Lehre. Ich arbeite jetzt mit Holz. Will Tischler werden.

Wissen Sie, wie wunderbar Lerchenholz riecht? Ich habe ein Stück mit nach Hause genommen und es neben mein Kissen gelegt. Anstelle einer parfümierten Frau. Eine Frau werde ich auch noch finden. Eine, die alles von mir wissen soll. Eine, der ich nur schenke, was ich ehrlich bezahlt habe. Sie wird mich streicheln, neben mir liegen, zärtlich sein. Das Lerchenholz lege ich dann unter mein Bett.
Ich wurde nach meiner Kindheit befragt. Das ist auch so eine Sache. Mit der schweren Kindheit Verbrechen entschuldigen. Außerdem hatte ich keine schlechte Kindheit. Meine Eltern haben beide geschuftet, und ich habe mich ab meinen zwölften Lebensjahr nur schlecht benommen. Habe der Mutter Ohrringe geklaut und sie einer Freundin geschenkt, habe dem Vater Geld aus seiner Börse genommen und damit Stoff gekauft. Immer wieder.

„Ich überlege mir, einen Bart wachsen zu lassen. Damit sich niemand an mein ehemaliges Ich erinnert.“

Jetzt bin ich sauber. Ich trage ein weißes Hemd, habe es nach einer ausgiebigen Dusche angezogen. Mein Haarschnitt ist diszipliniert, meine Nägel gefeilt, Schuhe neu, Hose neu. Keinen Alkohol getrunken. Benutze ein unaufdringliches After Shave. Da fällt mir wieder ein, wie viel Parfum ich in meinem Leben gestohlen habe, nur teures, um es dann billig zu verscherbeln. Ich überlege mir, einen Bart wachsen zu lassen. Damit sich niemand an mein ehemaliges Ich erinnert.
Ich habe im Supermarkt einer Frau geholfen, ihre Tasche zu packen, und mich dann angeboten, die Tasche zu ihrem Auto zu tragen. Sie hat mich angelächelt, gesagt, sie lebe in Scheidung, und mir ihre Telefonnummer gegeben. Vielleicht ergibt sich ja etwas, Ich bin geduldig. Ich verspreche, dass sie Freude mit mir haben wird.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.