Montafonerin nach Burnout: „Das Häkeln half mir aus der Depression heraus“

19.02.2019 • 12:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
sybille klinger
sybille klinger


Sybille Klinger wurde an ihrem Arbeitsplatz gemobbt. Das führte sie geradewegs in ein Burnout.

Gaschurn. Mit versunkenem Gesichtsausdruck sitzt sie auf dem Sofa und häkelt eine Mütze. Der Korb neben ihr ist voll mit selbst gemachten Wollmützen und Schals. Im vergangenen Jahr hat Sybille Klinger (60) mehr als tausend davon gestrickt und gehäkelt. Die Handarbeiten verschenkte sie an Einrichtungen wie SOS-Kinderdorf, Vorarlberger Kinderdorf, Kaplan-Bonetti-Haus, Rettet das Kind und Kolpinghaus Bregenz. Sie wurde zur fleißigen Handarbeiterin, „weil ich etwas brauchte, das mich aufrichtete“. Außerdem wollte die gebürtige Ostdeutsche etwas Gutes tun. „Das habe ich längere Zeit vernachlässigt, weil ich beruflich so eingespannt war“.

Klinger war beruflich immer sehr erfolgreich. Sie gründete und leitete eine Strickerei und war Geschäftsführerin von vier Bekleidungsläden. Später, als die Mutter zweier Töchter mit ihrem damaligen Mann nach Spanien zog, war sie als Immobilienmaklerin erfolgreich. „Ich habe viele Häuser verkauft.“ Als sie nach der Scheidung nach Österreich kam, arbeitete sie als Chef-Rezeptionistin in Hotels am Arlberg und im Montafon. Zuletzt hatte sie sich bis zur stellvertretenden Hoteldirektorin hochgearbeitet. Der Beruf erfüllte die engagierte Frau und machte ihr Freude – bis sie einen neuen Chef bekam. „Mit ihm war die Zusammenarbeit schwierig, er war ein Mann ohne Handschlagqualität.“ Obwohl er ihr keine Anerkennung zukommen ließ, sie schlecht behandelte und sie immer wieder anbrüllte, blieb Klinger ihm gegenüber loyal. „Ich war innerlich zerrissen. Doch nach außen hin lächelte ich.“ Bald war sie aber so weit, dass sie an Kündigung dachte.

Doch Klinger, die bis zu 14 Stunden am Tag arbeitete,  zog die Reißleine zu spät. „Ich kam von der Arbeit heim und bekam einen Weinkrampf und kaum noch Luft. Ich habe nur noch geweint.“ Ihrem Ehemann Franz gelang es nicht, sie zu beruhigen. Deshalb rief er nach ihrem Zusammenbruch die Rettung. Die Ärzte diagnostizierten eine depressive Belastungsstörung. Klinger: „Man kann auch Burnout dazu sagen.“ Nach dem Spitalsaufenthalt verkroch sich die ehemals offene und kontaktfreudige Frau zuhause. „Ich habe keine Menschen um mich herum ertragen.“ Erst nach drei Monaten wagte sie sich alleine zu einem Spaziergang hinaus. Das Bus- und Zugfahren kostet sie heute noch Überwindung und Kraft. „Ich versuche die Passagiere auszublenden.“ In den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch konnte die Wahlgaschurnerin, die einmal sogar bei einer Rallye in Marokko mitfuhr, auch nicht mehr Autofahren. „Ich litt unter Panikattacken.“ Sie ist stolz darauf, dass sie es heute wieder kann. „Im vergangenen Sommer bin ich selber in die Reha-Klinik nach Tirol gefahren.“

„Jetzt hatte ich eine Aufgabe und einen Grund aufzustehen.“

Sybille Klinger, Mobbingopfer

Am Tiefpunkt ihres Lebens erinnerte sie sich daran, dass ihr das Handarbeiten Spaß macht. Sie begann für andere Menschen Wollmützen und Schals zu häkeln und zu stricken. „Jetzt hatte ich eine Aufgabe und einen Grund, aufzustehen. Ich habe an Leute mit kalten Ohren gedacht.“ Das Handarbeiten war die beste Therapie für sie. „Es half mir aus der Depression heraus.“ Aber sie ist nicht mehr so belastungsfähig wie früher. „Ich bin nicht mehr dieselbe.“ Klinger, die elf Monate im Krankenstand war, ging im September des Vorjahres in Pension. Das Handarbeiten gibt ihren Tagen Sinn – so wie die Tätigkeit als Rezeptionistin in einem Hotel am Arlberg. „Ich arbeite dort ein paar Stunden. Das macht mir unheimlich Freude.“