Vor zwanzig Jahren riss eine Lawine am Schafberg zwei Menschen in den Tod

Vorarlberg / 20.02.2019 • 14:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Lawine am Schafberg riss zwei Menschen in den Tod und zerstörte einen Teil des Schafberghüslis.  Helmut Bachmann
Die Lawine am Schafberg riss zwei Menschen in den Tod und zerstörte einen Teil des Schafberghüslis. Helmut Bachmann

Der Lawinenwinter jährt sich heuer zum 20. Mal. Im Jänner und Februar 1999 sterben zahlreiche Menschen unter Lawinen.

Schwarzach. Es ist der der letzte Winter im alten Jahrhundert. Ein Winter, der als Lawinenwinter in die Geschichte eingehen wird. Innerhalb von 30 Tagen fallen im Jänner und Februar 1999 in weiten Teilen des Alpenraums mehr als fünf Meter Schnee. Zahlreiche Lawinen gehen ab und begraben Menschen unter sich. Die größte Lawinenkatastrophe ereignet sich in Galtür im Tiroler Paznauntal. Am 23. Februar donnert dort gegen 16 Uhr eine 400 Meter breite und zehn Meter hohe Staublawine talwärts. Die Schneemassen begraben große Teile des Wintersportorts unter sich. 31 Menschen verlieren dabei ihr Leben.

Die Lawine am Schafberg zerstörte auch die Bergstation des Doppelsesselliftes.  Helmut Bachmann
Die Lawine am Schafberg zerstörte auch die Bergstation des Doppelsesselliftes.  Helmut Bachmann

Aber auch in Vorarlberg sind Lawinenopfer zu beklagen. In Gargellen sterben am 22. Februar 1999 am Schafberg zwei junge Menschen, weil eine Lawine ins Bergrestaurant Schafberghüsli kracht. Sie zerstört nicht nur den alten Teil des Restaurants, sondern auch die Bergstation des Doppelsesselliftes und damit die Zubringerbahn ins Skigebiet.

Emil Isele: "Das Schafberg-Plateau galt als ganz sicher."  
Emil Isele: „Das Schafberg-Plateau galt als ganz sicher.“  

Emil Isele (heute 76), der damals Geschäftsführer der Bergbahnen Gargellen war, erinnert sich noch gut an diese dramatischen Tage. Er war damals wie viele andere seit Tagen im Ort eingesperrt, weil die Straße nach Gargellen wegen hoher Lawinengefahr gesperrt war. Und das war auch gut so. Denn am Sonntag, 21. Februar, geht am Nachmittag eine mächtige Lawine vom Sarotlatal auf die Straße nieder. Sie verlegt die Gargellnerstraße auf einer Länge von rund 300 Metern und einer Höhe von rund 12 Metern.

Zwei Menschen verschüttet

Der anhaltend starke Schneefall und Windböen bis zu 100 km/h verschärften die Lawinengefahr extrem. Am frühen Montagmorgen donnerte in Gargellen die Schmalzberglawine ins Tal. Isele und weitere Mitglieder der örtlichen Lawinenkommission entschieden an diesem Morgen im Hotel Madrisa, dass einige Hausbewohner evakuiert werden müssen. „Um 10 Uhr erhielten wir dann über Funk die Mitteilung, dass eine Lawine auf das Schafberghüsli abgegangen ist und es zwei Verschüttete gibt.“ Laut Isele waren alle schockiert. Und erstaunt. Denn: „Bis dahin galt das Schafberg-Plateau als hundert Prozent sicher. Man wusste nicht, dass da je was runtergekommen ist.“

Mit Pistengeräten machten sich Isele und weitere Helfer auf den Weg zum Unglücksort. „Oben sahen wir das ganze Elend. Das Hüsli war bis Fensterhöhe verschüttet und die an sich stabile Bergstation dem Erdboden gleichgemacht.“ Nachsatz: „Es hatte solche Schneemengen, dass wir nicht wussten, wo wir mit der Suche beginnen sollten.“ Die Rettungskräfte unter der Führung von Sepp Braunger (+) kämpften sich mit Sonden, Schaufeln, Pickeln, Motorsägen und Pistengeräten durch das (Schnee)Chaos.

„Der Rettungseinsatz am Schafberg war aufgrund der extremen Lawinengefahr grenzwertig.“

Werner Canal, Bergretter

Die Helfer bekamen Verstärkung aus St. Gallenkirch. Ein Militärhubschrauber brachte unter schwierigsten Flugbedingungen 15 Bergretter, einen Notarzt und zwei Lawinensuchhunde nach Gargellen. Unter ihnen war Werner Canal (heute 76), ein erfahrener Bergretter, der auch schon beim Lawinenunglück in der Silvretta Nova im Jahre 1974 mit 12 Toten im Einsatz war.

 Werner Canal und weitere vierzehn Helfer wurden damals unter schwierigen Bedingungen nach Gargellen eingeflogen.  
Werner Canal und weitere vierzehn Helfer wurden damals unter schwierigen Bedingungen nach Gargellen eingeflogen.  

Die Rettungsaktion in Gargellen war laut Canal aufgrund der extremen Lawinengefahr grenzwertig. „Zum Glück sind nicht alle Einsätze so gefährlich.“ Canal und seine Kollegen suchten bei starkem Schneefall stundenlang nach den zwei Vermissten, einem 30-jährigen Liftangestellten aus Schruns und einer ungarischen Kellnerin (31). Beide hatten sich zuletzt im Dachgeschoss des Restaurants aufgehalten. „Wir haben nicht aufgehört zu suchen, obwohl wir am Limit waren.“

Die Rettungskräfte suchen stundenlang nach den zwei Verschütteten.
Die Rettungskräfte suchen stundenlang nach den zwei Verschütteten.

Nach mehrstündiger Suche fanden die Hilfskräfte den Schrunser gegen 20 Uhr, begraben unter drei Metern Schnee. „Es war ein Wunder, dass er noch lebte. Wir waren erleichtert und gaben den bewusstlosen Mann in die Obhut des Notarztes. Leider verstarb er dann später aber doch noch.“ Etwa eine Stunde später entdeckten die Retter auch die Ungarin. Auch für diese kam jede Hilfe zu spät. Sie konnte nur noch tot geborgen werden.

Gegen 23 Uhr traten Canal, Isele & Co mit mulmigen Gefühl den Weg ins Tal an. Es war stockfinster und schneite so stark, dass man die Hand vor dem Gesicht nicht sah.  „Wir mussten einige Lawinenzüge passieren und wussten nicht, ob es uns erwischt. Ich hatte Angst“, gibt Canal ganz offen zu. Im Lichtkegel einer Pistenraupe fuhr der erfahrene Bergretter mit den Skiern ins Tal. „Wenn ich gestürzt wäre, wäre ich nicht mehr ins Tal gekommen“, ist er sich sicher, „das wurde mir allerdings erst im Nachhinein bewusst.“