Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Es ist leider nicht rekonstruierbar

25.02.2019 • 10:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich weiß von Leuten, dass sie nie ein Brot selbst gebacken haben: Gar nicht, weil sie aus Prinzip nicht backen, sondern weil ihre Mütter oder Väter immer wieder Brot gebacken haben. Und das mussten sie als brave Kinder dann essen und taten es nicht gern, weil es ihre Kaumuskulatur über- und ihren Geschmackssinn unterforderte: zu hart, zu trocken, zu bröselig, zu ungesalzen. Überraschenderweise kann man viel falsch machen, wenn man Brot selber bäckt, deshalb neigen die meisten Menschen dazu, diese Kunst Bäckerinnen und Bäckern zu überlassen, die das gelernt haben und beherrschen. Ich erlitt dieses Kindheitstrauma nicht: das selbstgebackene Brot bei uns daheim war immer fluffig und knusprig; also bis auf die kurze Phase, in der bei der Bio-Vollkorn-Mehl mit einer kleinen Steinmühle von Hand gemahlen wurde. Allerdings habe ich diese Mühle seit Jahrzehnten nicht gesehen, dafür viele kugelige Brotlaibe, aussen resch, innen saftig und flauschig zugleich. Und dieses frisch gebackene Brot gibt es noch immer, wenn ich auf Heimatbesuch komme, halt meistens nicht sehr lange.

Denn ein frisches Brot aus dem Ofen, wenn man hungrig ist, knusprig und flaumig und noch ein bisschen warm, mit ordentlich Butter darauf: es gibt auf der Welt ja fast kein besseres Essen.

„Speisen, die man als Kind gegessen hat, mit denen man aufgewachsen ist, die noch immer Geborgenheit flüstern, Trost und Liebe.“

Natürlich gerade auch, weil dieses Brot zu den Dingen gehört, die einem Daheim bedeuten. Speisen, die man als Kind gegessen hat, mit denen man aufgewachsen ist, die noch immer Geborgenheit flüstern, Trost und Liebe. Und die man selber einfach niemals so hinbekommen wird, egal wie sehr man es versucht. Vielleicht, weil ein paar Handgriffe anders sind, weil die Zutaten sich verändert haben oder nicht überall genau gleich sind, vielleicht, weil sie nur in dieser speziellen Umgebung, in der Aura dieser Küche so schmecken können, wie sie schmecken, immer noch: die Brätnockerlsuppe, die immer auf dem Herd steht, wenn ich aus Wien komme, selbstbackene Krapfen, Spinatomlett, italienischer Salat, Gerstensuppe. Ich mache diese Gerstensuppe in Wien immer wieder, ganz genau nach dem Rezept meiner Mutter, und die Kinder sagen, dass sie toll schmeckt, und hinter meinem Rücken raunen sie, dass sie an die von Oma aber halt leider nicht herankommt.

Stimmt. Und ich frage mich, was für sie irgendwann der Geschmack ihrer Kindheit sein wird, der in ihnen Erinnerungen wach ruft, und ich hoffe, sie werden sich nicht nur an verkohltes Ofengemüse erinnern und an die Kiste mit den Instant-Ramen-Suppen im Küchenschrank. Sondern an den Geruch von selbstgekochter Hühnersuppe, von Apfel-Kuchen, von frisch gebackenem Brot: flaumigem, ich kann das jetzt.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

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