Hanife und ihr sehr bewegtes Leben

Vorarlberg / 28.02.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hanife ist zufrieden: „Ich habe aus allem das Beste gemacht.“

Türkin verlor mit sechs Jahren ihre wichtigste Bezugsperson.

Hohenems Die Eltern der heute 46 Jahre alten Hanife waren Gastarbeiter aus Düzce in der Türkei. Sie kamen Anfang der 1970er-Jahre nach Vorarlberg. In Hohenems arbeiteten sie in einer Besteckfabrik. Hanife kam 1973 in der Türkei zur Welt. „Mama stillte mich zwei Monate lang. Dann übergab sie mich meiner Oma und ging nach Österreich zurück“, erzählt sie. Die Großmutter wurde zu ihrer wichtigsten Bezugsperson. „Ich war ihr Engel. Sie hat mich kizim, meine Tochter, genannt.“ Auch Hanife liebte ihre Oma über alles. „Sie war meine Mama und sehr warmherzig. Das ganze Dorf liebte sie. Wenn die Leute aufs Feld gingen, vertrauten sie ihr die Kinder an.“ Vor ihrem Tod überreichte die 75-Jährige Hanife ihr Kopftuch mit den Worten: „Nimm es, kizim, vielleicht sehen wir uns nie wieder.“ Hanife bewahrt es seither wie ein Heiligtum auf. „Manchmal rieche ich auch daran.“

Eine Puppe fürs Leben

Die 46-Jährige hat nur schöne Erinnerungen an die ersten sechs Jahre ihres Lebens, obwohl sie in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. „Ich hatte kein Spielzeug. Deshalb spielte ich mit unserer Katze.“ Es war für sie ein Highlight, als ihr die Eltern, die sie bis zum sechsten Lebensjahr nur zwei Mal sah, eine Puppe schenkten. „Diese Puppe habe ich heute noch.“ Dann wurde sie von ihrer Oma getrennt. „Meine Eltern waren der Meinung, dass ich in Österreich eine bessere Zukunft habe. Deshalb holten sie mich 1979 zu sich. Ein Jahr später kam auch meine drei Jahre ältere Schwester, die bei der anderen Oma aufgewachsen war, zu uns nach Vorarlberg.“

Hanife erinnert sich, dass sie am Anfang immer weinte, weil Vater und Mutter fremde Menschen für sie waren und sie Heimweh hatte. Nur ihrem Vater gelang es manchmal, sie zu beruhigen. „Er musste bei mir schlafen, damit ich überhaupt schlafen konnte.“ Hanife und ihre Schwester durften zunächst nicht in die Schule gehen, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hatten. „Meine Eltern schrieben deshalb einen Brief an Bruno Kreisky. Dank dem Bundeskanzler durften wir dann die Schule besuchen.“ Das Mädchen wurde mit acht Jahren eingeschult. Die Mitschüler hänselten es, weil es schon größer war und die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschte. „Mein Vater hatte mir zwar ein bisschen Deutsch beigebracht. Aber zu Hause sprachen wir nur türkisch.“

Zwangsverheiratet

Sechs Jahre lang drückte Hanife die Schulbank. „Nach der zweiten Klasse schickte man mich von der Hauptschule, weil ich bereits 15 Jahre alt war.“ Dass sie keinen Schulabschluss hatte, machte ihre Träume zunichte. „Ich wäre so gerne Schneiderin oder Friseurin geworden.“ Stattdessen arbeitete sie in einer Textilfirma Akkord. „Ich war sehr schnell im Nähen.“ Sie war 17, als ihre Eltern meinten, dass es Zeit zum Heiraten sei. Sie hatten auch bereits den passenden Ehemann ausgesucht. „Meine Eltern wollten, dass ich einen Cousin heirate, um ihn und seine Geschwister aus der Armut zu holen.“ Hanife wollte ihn nicht heiraten. „Er war hübsch, aber ich hatte keine Gefühle für ihn. Doch Papa sagte, ich müsse ihn zum Ehemann nehmen.“

Die Ehe stand unter keinem guten Stern, dennoch hielt sie es 17 Jahre mit einem Mann aus, den sie nicht liebte. Sie schenkte ihm sogar ein Kind. „Ich wollte unbedingt eines, weil ich mich selber glücklich machen wollte.“ Ihr Sohn war von Anfang an ihr Augenstern. „Er ist mein Ein und Alles. Wenn ich heute atme, atme ich wegen ihm.“ Auch als Mutter arbeitete Hanife weiter Akkord und fünf Tage in der Woche, um die Verwandten in der Türkei weiterhin unterstützen zu können. „Meine Mama schaute mir währenddessen aufs Kind.“ Als dieses in die Schule kam, ging sie aber nur noch halbtags arbeiten. „Mein Sohn brauchte mich.“ In ihren 30ern verliebte sich Hanife in einen Österreicher. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Ein neues Leben

Erst durch ihn wagte sie es, ihren Weg zu gehen und ihr eigenes Leben zu leben. Sie ließ sich scheiden und zahlte dafür einen hohen Preis. „Meine Eltern brachen mit mir.“ Fünf Jahre hatte sie keinen Kontakt zu ihnen. „Dann haben wir uns versöhnt.“ Versonnen nippt Hanife an ihrem Kaffee. Dann geht sie kurz hinaus. Als sie ins Wohnzimmer zurückkommt, hält sie ein Kopftuch in den Händen. Es ist jenes, das ihr die Oma vor ihrem Tod als Andenken übergab. Hanife hat jetzt Tränen in den Augen. Das Tuch erinnert sie nicht nur an die heiß geliebte Oma, sondern auch daran, dass man sie als Kind von ihr fortgenommen hatte. Nach der Trennung hörte das kleine türkische Mädchen drei Jahre nichts von seiner Großmutter. „Dann haben wir zum ersten Mal miteinander telefoniert. Aber ich konnte nicht reden, weil ich so weinen musste. Meiner Oma erging es ebenso. Auch sie schluchzte herzergreifend.“