Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Die Mitschuld der katholischen Kirche

01.03.2019 • 15:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was ist schlimmer als ein halber Feiertag? Gar keiner. Zu diesem Schluss kommt die evangelische Kirche mehr und mehr. Hatte sie die Karfreitagslösung, die Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vize Heinz-Christian Strache (FPÖ) am Mittwoch präsentierten, zunächst wohlwollend kommentiert, so nehmen Wut und Empörung in ihren Reihen zu. Ein Grund: Die Aussage von Kurz, dass sich für 96 Prozent der Bevölkerung nichts ändere. Auch sie können künftig einen ihrer Urlaubstage als „persönlichen Feiertag“ nützen. Für sie bleibt damit praktisch alles wie es ist.

Bei den weniger als vier Prozent der Evangelischen ist das anders: Sie verlieren mit dem Karfreitag einen Feiertag. Sofern sie erwerbstätig sind, können sie ihn nur dann einigermaßen würdig begehen, wenn sie auf Kosten ihrer übrigen Urlaubsansprüche freinehmen. 

In einer ersten Stellungnahme bezeichnete der evangelische Bischof Michael Bünker das als Wermutstropfen. Der Hinweis von Kurz hat sein Umfeld jedoch schäumen lassen: Das mit den 96 Prozent lasse nur den Rückschluss zu, dass die Bundesregierung den bewährten Grundkonsens aufkündigte, wonach die Evangelischen eine wertvolle Minderheit seien, so Synodenpräsident Peter Krömer.

Selbstverständlich sind ÖVP und FPÖ verantwortlich für die Karfreitagslösung. Minderheitenfeindlich agieren jedoch nicht nur sie. Siehe die Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, dessen Urteil zum Handlungsbedarf führte: Da ging es darum, dass einer der 96 Prozent wie diejenigen vier Prozent, denen der Karfreitag wirklich wichtig ist, einen Feiertagszuschlag bekommen wollte, wenn er arbeitet. Ein Vertreter der erdrückenden Mehrheit beanspruchte also ein Recht, das aus guten Gründen einer kleinen Minderheit zugestanden worden war. Geradezu frivol ist, dass die Arbeiterkammer dieses Ansinnen unterstützte; dass ihr das Gedenken an die Kreuzigung Christi ein besonderes Anliegen ist, ist neu.

Irgendwann werden auch Katholiken auf eine minderheitenfreundliche Politik angewiesen sein.

Womit wir bei der religiösen Dimension wären: Ohne Karfreitag kein Ostern. Vor diesem Hintergrund muss man sich wundern, dass sich die katholische Kirche gegen einen Feiertagstausch zugunsten des Karfreitags stemmte. Ein solcher Tausch werde nicht gewollt, hat die Bischofskonferenz wissen lassen. Die jetzige Lösung begrüßt sie ausdrücklich. Wie die Wirtschaft, der es darum ging, den Karfreitag als Einkaufstag zu erhalten, ist sie damit eine entscheidende Kraft, der sich Kurz und Strache letzten Endes beugten.

Ob das klug war aus Sicht der katholischen Kirche? Zunächst ist es ein Schlag gegen die Ökumene, also die kirchenübergreifende Zusammenarbeit. Die katholische Mehrheit hat die evangelische Minderheit hängen lassen. Das war nicht klug: Dauern die Kirchenaustritte an, gibt es irgendwann weniger Katholiken als Konfessionslose – womit sie selbst auf eine minderheitenfreundliche Politik angewiesen wären.

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