Wie sich das Leben von Ruth Leutgeb aus Dornbirn nach dem schweren Unfall ihres Mannes geändert hat

Vorarlberg / 01.03.2019 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ruth Leutgeb ist immer noch ein bisschen zornig auf das Schicksal. kuster

Dieser erwachte allerdings nicht mehr aus dem Wachkoma.

Dornbirn. Ruth Leutgeb  ist immer noch ein bisschen zornig auf das Schicksal. Denn es nahm ihr früh den Partner. Ihre große Liebe war zwar noch da, aber plötzlich zu einem Pflegefall geworden. Bei einem Motorradunfall im Jahre 1990 erlitt Robert Leutgeb lebensgefährliche Kopfverletzungen. Der damals 46-Jährige überlebte den Unfall zwar, fiel aber ins Wachkoma. Aus diesem kam er nie mehr heraus.

Zwei Jahre lang besuchte ihn seine Frau, die damals Anfang 40 war, jeden Tag im Landeskrankenhaus Rankweil. „Ich saß einige Stunden an seinem Bett und habe seine Hand gehalten und ihn gestreichelt.“ Weil er keine Fortschritte machte und immer dünner und dünner wurde, beschloss sie, ihn nach Hause zu holen. „Eine befreundete Krankenschwester unterstützte mich bei der Pflege. Sie kam jeden Tag zu uns, um ihn zu waschen.“ Den Katheder ließ Ruth von einem Arzt auswechseln.

Ruth kümmerte sich liebevoll um ihren behinderten Mann Robert.
Ruth kümmerte sich liebevoll um ihren behinderten Mann Robert.

Robert war nicht völlig apathisch. „Er hörte mich. Das zeigte er mir mit den Augen. Außerdem drückte er meine Hand, wenn er etwas wollte.“ Lächelnd erinnert sie sich, wie einmal ein Kollege vom Kleintierzuchtverein mit einem Huhn auf Besuch kam. „Mein Mann, der auch Hühner gezüchtet hat, hat die Henne ganz fest gehalten und sie nicht mehr loslassen wollen.“ Zuhause machte Robert Fortschritte, auch weil seine Frau darauf achtete, dass er Therapien in Anspruch nahm. So schaffte es Ruth, ihn in den Rollstuhl zu bringen. „Im Spital hatte Robert nur im Bett gelegen. Jetzt konnte ich mit ihm spazieren gehen.“ Sie brachte ihn auch von der Magensonde bzw. der künstlichen Ernährung weg. „Ich habe jeden Tag gekocht und ihm das pürierte Essen eingegeben.“ Sogar in den Urlaub flog sie mehrmals mit ihm. „Meine Tochter und ich badeten mit ihm im Meer.“

Dieser Schnappschuss zeigt Robert im Urlaub.
Dieser Schnappschuss zeigt Robert im Urlaub.

16 Jahre nach dem Verkehrsunfall im Jahre 2006 starb Robert 62-jährig. In der Nacht schlief der Familienvater für immer ein. Das kam nicht überraschend für seine Frau. „Er wurde immer müder. Ich merkte, dass er sterben wird.“ Sein Tod hinterließ bei Ruth eine große Leere. „Es war schwer für mich. Vorher drehte sich alles um meinen Mann. Jetzt war er nicht mehr da und ich den ganzen Tag allein.“

Besucht jede Woche einen Wachkoma-Patienten

Aber sie schaffte es, ihrem Leben wieder Sinn zu geben. Weil sie immer wieder von Menschen angerufen wurde, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, beschloss sie, eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen und deren Angehörigen ins Leben zu rufen und sich für sie zu engagieren. Das tut sie nunmehr schon seit mehr als zehn Jahren. Außerdem besucht sie seit Jahren jede Woche einen Wachkoma-Patienten im Landeskrankenhaus Rankweil. „Er bekommt fast nie Besuch.“ Inzwischen reagiert dieser auf sie. „Manchmal grinst er wenn ich komme.“

Da war die Welt noch in Ordnung. Ruth und Robert Leutgeb als frischverliebtes Paar.
Da war die Welt noch in Ordnung. Ruth und Robert Leutgeb als frischverliebtes Paar.

Ruth ist mittlerweile 70 Jahre alt und mit dem Leben wieder halbwegs versöhnt. Aber  kurz nach dem Unfall wäre sie am liebsten selbst gestorben, gesteht sie. „Doch ich hatte noch eine Tochter, die mich brauchte.“ Mit dem Schicksalsschlag war jedoch für Ruth eine Welt zusammengebrochen. Robert war die erste und einzige Liebe ihres Lebens. Sie hatte ihn mit 17 Jahren kennengelernt und mit 20 geheiratet. 21 glückliche Jahre waren dem Paar beschieden, Jahre, in denen die Liebe immer mehr wuchs. Sie hätte es deshalb nicht übers Herz gebracht, ihn auf Dauer von fremden Menschen betreuen zu lassen. „Ich habe ihn selbst gepflegt, weil ich wollte, dass es ihm gut geht.“ Die Dornbirnerin ist sich sicher: „Robert hätte das für mich auch getan.“ Jahrelang hoffte sie, dass sich sein Zustand bessert. „Es sind ja schon mehrere aus dem Wachkoma aufgewacht.“ Doch ihre Hoffnung erfüllte sich nicht. Robert starb, ohne dass sie noch einmal seine ihr so wohlvertraute Stimme gehört hätte.

Zur Info: Die Selbsthilfegruppe „Schädel-Hirn-Trauma“ trifft sich jeden zweiten Montag im Monat (um 18 Uhr) in der Clemens-Holzmeister-Gasse 2 in Bregenz.