Aufmüpfige Weiber führten Krumbacher Aufstand an

08.03.2019 • 07:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Weiberaufstand von Krumbach im Juli 1807. Pfarrarchiv Lingenau, Repro aus Vorarlberg Archiv
Der Weiberaufstand von Krumbach im Juli 1807. Pfarrarchiv Lingenau, Repro aus Vorarlberg Archiv

<strong>Internationaler Frauentag: Schon vor 200 Jahren rebellierten Frauen in Vorarlberg.</strong>

Heidi Rinke-Jarosch

KRUMBACH Von zwei Frauen angeführt, marschierten hunderte Aufständische von Krumbach Richtung Bezau. Das Landesgericht sollte gestürmt werden. Doch dazu kam es nicht. Der Aufstand löste sich auf, als die aus Krumbach, Hittisau, Lingenau und Langenegg stammenden Frauen und etwa ebenso viele Männer Bezau erreichten. Dort erwartete sie nämlich kein Widerstand. Der bayrische Gerichtsbeamte, der zur Herausgabe der neuen Konskription genötigt und dann verjagt werden sollte, war schon drei Tage zuvor geflüchtet. Eine der beiden Anführerinnen soll bei der Ankunft in Bezau so laut geflucht haben, dass es einem kalt über den Rücken lief. Pfarrer Schmid sei ihr daraufhin mit vorgehaltenem Kreuz entgegengetreten.

Auf die Nachricht von diesem „Krumbacher Weiberaufstand“ am 2. Juli 1807 beschloss der für Vorarlberg und Tirol zu ständige bayrische Generalkommissär Karl Ernst von Gravenreuth, gegen die Aufwiegler mit einer massiven Militäraktion vorzugehen. Am 14. Juli marschierten 600 Soldaten samt einer Kanone im Bregenzerwald ein, obwohl sich die Lage dort längst beruhigt hatte. Die am Aufstand Beteiligten hatten sich bereits bei den bayrischen Herren entschuldigt.

Wie kam es zum Aufstand?

Wie ist es damals, vor mehr als 200 Jahren, zu dem Aufstand gekommen? Was hat die beiden Frauen so wild und aufmüpfig gemacht?

Nach der verlorenen Schlacht von Austerlitz 1805 hatte Österreich Vorarlberg und Tirol an Bayern abtreten müssen. Der Verwalter des Bayernstaates, Minister Maximilian von Montgelas, fasste alte und neue Gebiete zu einem zentralistisch regierten Einheitsstaat nach französischem Vorbild zusammen und begann, umfassende Reformen durchzuführen.

Im Gegensatz zu den erzkonservativen Vorarlbergern verfolgten die Bayern fortschrittliche Ideen. Sie erneuerten Verfassung und Verwaltung, erhöhten alle Abgaben und Steuern, und die allgemeine Wehrpflicht sollte eingeführt werden.

Drastische Maßnahmen

In ihrer Aufklärerwut reformierten die Bayern auch die Kirche und setzten dabei drastische Maßnahmen. Sie verboten traditionelle religiöse Bräuche, zum Beispiel das Einsegnen der Felder, das Wetterläuten und alle Arten von kirchlichen Prozessionen. Das Volk fürchtete nun, ohne Segen seien ihre Ernten, das Vieh und die Familie nicht mehr vor Unheil geschützt. Außerdem sollten aufgrund der neuen, bald in Kraft tretenden Konskription die Männer in einen Krieg geschickt werden, mit dem die Vorarlberger überhaupt nichts zu tun hatten.

Im Land begann es zu rumoren. Vor allem in den Köpfen einiger Frauen in Krumbach. Eine von ihnen war Christine Heidegger, Bäuerin, Mutter zweier Söhne und 51 Jahre alt. Vom Wesen her wird sie als „herrisches, tollkühnes, aber verrücktes Weib“ dargestellt. In einem ärztlichen Gutachten wurde sie indes als „eine von Gewalt traumatisierte Person“ beschrieben. Laut diesem Attest wurde sie um 1800 „von einem oder mehreren französischen Soldaten vergewaltigt“. Weiter heißt es: „Danach musste Christine Heidegger mehrere Wochen angebunden in ihrem Haus gehalten werden, weil sie dem Wahnsinn verfallen war.“ Das hatte ihren Charakter entsprechend geprägt.

„Christine Heidegger war eine intelligente Frau, die zu einer tragischen Figur wurde. Aus heutiger Sicht würde man sie als traumatisiertes Kriegsopfer bezeichnen“, schildert Ulrike Längle. Die Literaturwissenschaftlerin hat sich intensiv mit der Geschichte des Krumbacher Aufstands auseinandergesetzt. Im Rahmen ihrer Forschung hat sie auch die Verhörprotokolle gefunden, die während der Untersuchung des Aufstands niedergeschrieben worden waren.

Die Anstifterin

Laut Überlieferung wurde der Krumbacher Aufstand von Christine Heidegger und Magdalena Schoch geplant und angeführt. Tatsächlich war nur Heidegger Anstifterin und Anführerin. Schoch soll an den Vorbereitungen des Aufstands gar nicht beteiligt gewesen sein. Ebenso wenig, als Heidegger zum Marsch nach Bezau aufrief. Allerdings hatten die Versammlungen in Schochs Haus stattgefunden. Denn Tochter Katharina die einzige der Schoch-Frauen, die schreiben konnte. Sie hat den Fehdebrief an das Kreisamt in Bregenz verfasst, ihre Mutter hat nur unterzeichnet – mit zwei Kreuzen.

Eine korpulente Frau sei Magdalena Schoch gewesen, und wie Heidegger Analphabetin. Insgesamt hatte Schoch fünf Töchter, vier waren beim Aufstand dabei. Einem Verhörprotokoll ist zu entnehmen, dass die älteren Töchter beim Marsch nach Bezau vorangeschritten und sehr laut und sehr frech gewesen sein sollen.

In den Kerker nach Bregenz

Für Christine Heidegger endete die Sache bitter. In Ketten gelegt, führte man sie in den Kerker nach Bregenz ab, wo sie unter Tobsuchtsanfällen litt. Der Arzt Wunibald Rosenstiehl wurde beauftragt, ein Gutachten über Heideggers tatsächlichen Gesundheits- und Geisteszustand auszustellen. War ihr Tobsuchtsanfall echter Wahnsinn? Hatte sie sich bloß verstellt? Immerhin hatte sie als Anführerin eines Aufstandes Hochverrat begangen. Und darauf stand die Todesstrafe.

Rosenstiehl kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei Heidegger tatsächlich um einen Ausbruch echten Wahnsinns gehandelt habe. Und dieser war höchstwahrscheinlich eine Reaktion auf die Verhaftung und ein Wiederaufflammen des Traumas, welches ihr durch die Vergewaltigung widerfahren war.

Von Gravenreuth setzte eine aus Juristen bestehende Spezialuntersuchungskommission ein, die die Verhöre führten und die Urteile fällten.

Christine Heidegger und Magdalena Schoch wurden zu je einem halben Jahr Kerker verurteilt, schließlich aber begnadigt.