Bio-Bäuerin zur Agrarförderung: „Wir brauchen soziale Gerechtigkeit“

08.03.2019 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
 „Wir müssen Bedingungen schaffen, dass Naturschutz nicht bestraft wird“, sagt Biobäuerin Hildegard Burtscher.  VN/Paulitsch
„Wir müssen Bedingungen schaffen, dass Naturschutz nicht bestraft wird“, sagt Biobäuerin Hildegard Burtscher.  VN/Paulitsch

Biobäuerin Burtscher fordert Korrektur der EU-Agrarförderung.

Geraldine Reiner

Dornbirn Es geht um viel Geld und um die Existenz vieler Bauern: Etwa 40 Prozent ihres Gesamtbudgets, nämlich rund 60 Milliarden Euro, pumpt die Europäische Union jährlich in die gemeinsame Agrarpolitik. Rund eine Milliarde davon fließt nach Österreich. Demnächst stehen die Verhandlungen über die EU-Agrarfördermittel für die Förderperiode 2021-2027 an.

„Was mit diesem Geld passiert, welche Wirkungen damit erzielt werden, ist nicht egal. Da werden für die nächsten sieben Jahre ganz maßgebliche Weichen gestellt“, unterstreicht Landesrat Johannes Rauch. Der dramatische Rückgang bei den Feldvögeln und Insekten ist für ihn nur ein Beispiel dafür, dass es derzeit „ein Missverhältnis zwischen den eingesetzten Geldmitteln und den damit erzielten Erfolgen“ gibt. Positiv stimmt Rauch indes, dass die EU künftig mehr Spielräume in der Gestaltung der Fördermöglichkeiten einräumt. Wolfgang Suske, Experte für Naturschutz und ländliche Entwicklung erläutert: „Die Kommission übergibt die Verantwortung für eine gut gestaltete Betriebsprämie den einzelnen Mitgliedsstaaten, eine Zielvorgabe ist die Biodiversität.“ Doch von nichts kommt nichts. Der Westen werde sich massiv aufstellen müssen, vor allem die Berglandwirtschaft brauche eine gemeinsamen, starke Stimme, betont Rauch: „Das heißt im Klartext, dass es im Vergleich zur letzten Förderperiode zu einer neuen Verteilung von Geldern kommen muss. Wenn wir eine Berglandwirtschaft weiterhin wollen, dann muss dort mehr Geld hinfließen.“ Für die Landwirtschaft in den Gunstalgen bedeute das, „dass die Förderungen nicht einfach ausgespielt werden wie bisher, sondern dass auch daran ökologische Leistungen geknüpft werden.“

Sorgenfalten

Hildegard Burtscher, Biobäuerin und Mitglied des Naturschutzrates, treiben die aktuellen Entwicklungen ebenfalls Sorgenfalten auf die Stirn. „Ich sehe es sehr kritisch und als Bedrohung, dass die Landwirtschaft an Wertigkeit verliert. Viele müssen nebenher einer Tätigkeit nachgehen, um ihre Betriebe überhaupt noch weiterführen zu können“, schildert sie. Damit die Landwirte die Alpen weiterhin für die Bevölkerung und den Tourismus als Naherholungsraum erhalten könnten, sei es unbedingt notwendig, die Umweltbeihilfe für die Bewirtschaftung dieser Flächen zu verdoppeln. „Weil ich sonst einfach kein Licht sehe, wie wir unsere nächste Generation halten können. Wir sind alle der Mindestsicherung ausgeliefert und das ist natürlich nicht gerade motivierenden“, fordert die Biobäuerin „soziale Gerechtigkeit“.

„Etablierte Ungerechtigkeit“

Ein Beispiel „von einer schon fast etablierten Ungerechtigkeit“ sei, dass die Flächen „vom Luftbild genommen werden, also von der Draufsicht. Wenn eine Fläche steil ist, ist sie kleiner als eine Fläche die flach ist“, zeigt Naturschutz-Experte Suske auf. Noch wären allerdings alle Türen offen. Die Frage sei immer, wie man sich in die Diskussion zur Mitgestaltung der EU-Verordnung einbringe: „Es gibt nicht die Brüssel-Burg, die das vorgibt, es gibt eine aktive Mitgestaltungsmöglichkeit, wenn man mit Zahlen, Fakten, Ideen kommt“, ist Suske überzeugt. Jetzt gehe es darum politische Allianzen zu finden, sagt Rauch und ergänzt: „Auch die Landwirtschaftskammer und der Tourismus werden einen Beitrag leisten müssen.“