Psychiater Haller im Gespräch: Katholische Doppelmoral

Vorarlberg / 09.03.2019 • 08:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit

Gerichtspsychiater Dr. Reinhard Haller und VN-Chefredakteur Gerold Riedmann diskutieren über unbewältigte Sexualität, den Sinn des Zölibats und härtere Strafen.

Vor Kurzem fand im Vatikan eine Missbrauchskonferenz statt. Im Anschluss hat Papst Franziskus betont, ein Missbrauch darf niemals mehr vertuscht werden. Vielmehr konkrete Ergebnisse sind bei mir nicht angekommen. Bei Ihnen schon?

Bisher nicht, ich hoffe aber, dass sich das ändern wird. Man kann natürlich nicht in vier Tagen diese über Jahrhunderte angestauten Probleme lösen, und der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass es dahingehend Aktivitäten gibt. In Österreich etwa hat die Klasnic-Kommission die Vorkommnisse aufgearbeitet und bereits hohe Reparationszahlungen geleistet. An der Missbrauchskonferenz missfällt mir, dass man über gewisse gesetzliche Dinge viel gesprochen hat, die aber nicht angegangen ist. Es sollte doch klar sein, dass ein Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, nicht weiter sein Amt ausüben darf. Es wäre höchst an der Zeit, dass sich die Kirche ihrer Haltung gegenüber der Sexualität stellt und sich neu darauf besinnt.

Welche Zutaten lassen den Missbrauch gerade in der katholischen Kirche so um sich greifen?

Zum einen ist das Problem der sexuellen Kraft bei jungen, aber auch älteren Männern vollkommen unbewältigt. Dem müsste meines Erachtens schon in der Ausbildung entsprechend Rechnung getragen werden, denn sie haben keinerlei Rüstzeug für den Umgang mit der Sexualität. Ich habe einmal einen Priester behandelt, der aufgrund eines massiven sexuellen Missbrauchs zu einer mehrjährigen Haft verurteilt wurde. Er sagte mir, dass er im Rahmen seiner gesamten Ausbildung nichts über Sexualität gehört habe. Die zweite Frage wäre jene des Zölibats. In der Praxis lässt sich das nicht wirklich umsetzen. Ob man dieses zwingende Zölibat angesichts der Ereignisse tatsächlich aufrechterhalten kann, ist ohnehin mehr als fraglich

Bedeutet das Zölibat nicht schon eine Tabuisierung bzw. Verdrängung?

Ich denke nicht, dass das Zölibat an sich pädophil macht. Das wäre zu einfach gesehen, aber die Kirche hat auch das Problem, dass Menschen, die pädophile Neigungen haben, und das sind gar nicht so wenige, kindernahe Berufe und Tätigkeiten suchen. Das kommt in der Kirche mit ihren Machtstrukturen ganz besonders zum Tragen. Dem müsste man durch eine bessere Auswahl ebenfalls entsprechen. Es geht um Transparenz, um eine Enttabuisierung der Sexualität.

Wie sehr spielt in dieser Hierarchie auch die absolute Unterwerfung und Unterordnung der Frau eine Rolle?

Machtlehre wäre neben der Sexualkunde ein zweites wichtiges Thema, dem sich die Kirche stellen müsste. Dass sie auf alles verzichtet, was Frauen zu bieten haben, indem sie sie nicht zum Priesteramt zulässt, ist durch nichts gerechtfertigt. Jesus selbst hat ja gegenüber Frauen eine ganz andere Haltung eingenommen. Wenn man heute sieht, was alles mit dem freiwilligem Einsatz von Frauen in der Kirche geschieht, kann man überhaupt nicht verstehen, warum sich die Kirche nicht traut, sich dieser Frage anzunähern. Ich kann mir das nur so erklären, dass neben allem anderen offenbar auch eine tief verwurzelte Angst vor der Frau vorhanden ist. Ich glaube, dass die Zukunft der Kirche ganz entscheidend davon abhängen wird, ob es ihr gelingt, die Frauen besser und gleichwertig zu integriere

Ist die Kirche schon so weit, dass sie Diskussionen über notwendige Änderungen zulässt?

Es wird ihr gar nichts anderes übrigbleiben, als sich der Sache zu stellen. Der wissenschaftlichen Gerechtigkeit halber muss man sagen, sexueller Kindesmissbrauch ist, da hat der Papst recht, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Kirche hat dazu immer eine klare Haltung bezogen, sie aber selbst nicht gelebt. Es gibt jedoch Berechnungen, wonach von den sexuellen Missbrauchsfällen nur wenige Promille auf kirchliche Institutionen und Personen zurückzuführen sind. Diese absolut notwendige Diskussion sollte also nicht nur bei der römisch-katholischen Kirche hängenbleiben. Es wäre also äußerst wichtig, dass es hier tatsächlich zu einer gesamtgesellschaftlichen Durchdringung kommt. Wir leben in einer hypersexualisierten Welt. Da ist es bequem, einen Sündenbock zu haben, auf den man alles abladen kann. Die Kirche drängt sich hier natürlich auf.

In einem Gespräch, das vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, hat Kardinal Schönborn zur ehemaligen Ordensfrau Doris Wagner gesagt: „Ich glaube Ihnen.“ Für mich war das ein Schlüsselsatz. Wieso tut sich die Kirche mit Opfergeschichten so schwer?

Um es klarzustellen: Das Schicksal der Opfer muss über allem stehen. Es ist wichtig, dass man sich um sie kümmert, sie ernstnimmt, ihnen Therapie bezahlt und, so gut es geht, durch Schmerzensgeld ein bisschen Genugtuung verschafft. Für viele Opfer ist es auch wichtig, dass das Thema angesprochen wird und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Man muss aber auch bedenken: 30 Prozent der Anzeigen sind Fehlanzeigen, weil es unter anderem zu falschen Erinnerungen kommen kann. Dennoch ist und bleibt das Allerwichtigste, dass sich die Opfer trauen, mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen und man sie ernstnimmt. Das war leider nicht immer so. Da interessierte nur der Täter. Dann kam es Gottseidank zu einem Umdenken, das nicht zuletzt Alice Schwarzer zuschreiben ist. Sie hat sehr viel dafür getan, dass die Interessen der Opfer endlich wahrgenommen werden.

Sie haben in Ihrer Laufbahn über 100 solcher Fälle kennenlernen müssen. Landläufig fragt man sich, was sind das für Menschen?

Es sind vor allem solche, die mit der Frage der Sexualität nie ganz offen und mit gutem Gewissen umgehen konnten. Ich erlebe sie häufig auch als sehr hilflos. Es hat ihnen niemand in diesem Bereich eine Erziehung im positiven Sinne vermittelt. Die Hauptdiagnose, die man in vielen Fällen stellen kann, sind neurotische Störungen.

Von unserer Bundesregierung werden derzeit verschärfte Strafen sehr stark propagiert, gerade auch nach dem Mord in Dornbirn. Inwiefern helfen drakonische Strafen kurzfristig?

Auf der einen Seite wird damit argumentiert, dass drakonische Strafen keinen generalpräventiven Effekt haben, und diese Meinung teile ich auch. Man weiß ausserdem, dass die Todesstrafe die Mordrate in den USA nicht senken kann. Wenn ein Mensch in einem heftigen Affekt oder einem alkoholenthemmten Zustand ist, kann man ihm androhen, was man will, es ist ihm vollkommen egal. Die andere Ebene ist jene, dass man Haftstrafen auch einen gewissen Sühne-Effekt zuordnet. Ein Rechtsphilosoph hat einmal gesagt, indem wir die Menschen bestrafen und sie diese Strafe ableisten, leisten wir ihnen eine Ehre, weil wir geben ihnen die Möglichkeit, wieder mit halbwegs gutem Gewissen in die menschliche Sozietät rückkehren zu können. Dass Strafen präventiven Charakter haben, lässt sich nicht belegen.

Die Frauenmorde der vergangenen Monate einfach zu akzeptieren ist aber auch kein Weg. Was für Auswege gäbe es aus dieser Debatte?

Das große Problem ist, dass die Haupttäter immer junge Männer sind. Das gefährlichste Wesen auf Gottes Erdboden ist der 20- bis 30-Jährige Mann, weil er die höchste Körperkraft hat, weil das Konzert der Hormone auf einem Höchstniveau spielt, er letztlich auch extrem kränkbar ist und zusätzliche Risikofaktoren wie Alkohol einen enthemmenden Charakter haben. Da reicht schon ein geringfügiger Auslöser, und die ganze Wucht der aufgestauten Aggression bricht durch. Das andere Problem ist, dass wir bei den Frauenmorden des Jahres 2019 tatsächlich ein gewisses Muster befürchten müssen. Es geht hier immer um verletzte Ehre, um tiefe Gekränktheit und ein Stück weit um Rache. Diese Taten unterscheiden sich zu jenen, die wir sonst häufig sehen, dadurch, dass sie ohne jegliche Sicherungstendenz durchgeführt werden, zum Teil sogar in der Öffentlichkeit. Die Täter wollen demonstrieren, dass sie sich die Kränkung nicht gefallen lassen. Messermorde, wie sie bei den Frauen vorkamen, sind zudem eine relativ intime Tötungsart. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Straftaten sind immer dann gefährlich, wenn man die Gemütskälte aufbringt, sein Opfer dabei noch zu betrachten.

Welche Möglichkeiten gibt es, solche Taten zu verhindern? Präventives Wegsperren?

Ich fürchte, eine Lösung gibt es dafür nicht. Es gibt wahrscheinlich nur viele kleine Schritte, die die Situation gesamthaft etwas verändern können. Die große Frage ist, wie wir mit Aggression umgehen. Ich als Fußballfan betrachte den Sport als enorm wertvoll, weil wir unsere ganze aggressive Emotionalität hineingelegen können, aber dabei in der Regel niemand zu Schaden kommt. Etwas ganz Wichtiges wäre auch, Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, von Anfang an zu vermitteln, dass die Frauen bei uns einen anderen Stellenwert haben. Ein weiterer Punkt wäre, dass man alle, die schon einmal durch Gewalttätigkeit auffällig geworden sind, sofort einem verpflichtenden Antiaggressionstraining zuweist. Letztlich meine ich, dass es auch darum ginge, die Macht der Kränkung in der Gesellschaft viel ernster zu nehmen. Bei all diesen Delikten waren es keine großen Ereignisse, sondern Kleinigkeiten, die eskalierten. Ich habe für diese Frage keine Lösung. Die Politik wird auch keine finden.