Fasten heißt zunehmen, nicht abnehmen!

Vorarlberg / 22.03.2019 • 16:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Wenn wir das Wort „fasten“ hören, denken wir in der Regel zuerst ans Abnehmen oder an mühsames Verzichtenmüssen. Das Fasten aber, zu dem die christliche Tradition in der Vorbereitungszeit auf Ostern einlädt, ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um ein Fasten um des Fastens willen oder um ein Verzichten um des Verzichtes willen. Es geht auch nicht um eine asketische Meisterleistung, um unser Gewissen zu befriedigen oder um vor Gott möglichst gut dazustehen. Solch religiöses Leistungsdenken hat menschlich, in Bezug auf das Leben, und daher auch in den Augen Gottes keinen Wert. Ziel der vierzigtägigen Fastenzeit ist nicht selbstgefällige Askese.

Sinnvolle religiöse Praktiken haben immer das Leben zum Ziel, sein Wachsen und Reifen, sein Aufblühen und Entfalten, die Erkenntnis seiner Schönheit, seines Wertes und seiner Würde; so auch das Fasten, wozu die Kirche uns in dieser vorösterlichen Zeit einlädt. Es geht beim religiös motivierten Fasten also nicht darum abzunehmen, als vielmehr darum zuzunehmen, zu wachsen – nicht körperlich, materiell, sondern innerlich, in Bezug auf unser Sein: an Selbst- und Menschenkenntnis, an Lebens- und Gotteserfahrung, an Einsicht und Menschlichkeit, an Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Weniger ist mehr

Weil unser Innen- und Außenleben untrennbar aufeinander bezogen sind, ist der bewusste Verzicht eine sinnvolle Form religiösen Fastens – nebst zahlreichen anderen. Er möchte uns dafür sensibilisieren, dass weniger mehr sein kann. Das Einüben in die „Kunst des Verzichtenkönnens“ kann uns helfen, einen freieren Blick auf unser Leben und ein „Mehr“ an Lebensqualität zu gewinnen.

Wie wichtig das ist, daran erinnern uns Studien, die sagen, dass die Angst und die Unzufriedenheit bei den Menschen in Ländern mit hohem Lebensstandard laufend zunehmen, obwohl es einem Großteil finanziell und materiell von Jahr zu Jahr bessergeht. Oder dass Menschen, die im Beruf freiwillig Überstunden machen, um mehr zu verdienen und sich mehr leisten zu können, nicht zufriedener sind als Menschen, die nur 40 Stunden in der Woche oder weniger arbeiten. Forscher sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Unzufriedenheitsparadox“. Dieselben Studien zeigen auch, dass großzügige Menschen glücklicher sind als solche, die eher an sich selber denken.

Aufschlussreich ist auch die Feststellung, dass viele Menschen mit der Überfülle an Angeboten, Produkten und Vergnügungsmöglichkeiten, welche die Gesellschaft heute bietet, stark überfordert sind und sich schwer tun in der Entscheidung, was konkret sie jetzt brauchen, was sie kaufen oder tun sollen, um glücklicher und zufriedener zu sein.

Haben wir, was wir brauchen?

Materieller Wohlstand ist per se wertfrei. Einfachheit und Luxus sind in sich weder gut noch schlecht. Erst das, was wir damit tun oder was sie mit uns tun, verleiht ihnen ihren Wert und ihre Bedeutung.

Auf dieser Erfahrung gründet auch die Empfehlung des heiligen Benedikt zum Maßhalten oder das bekannte Wort des in Egg bei Einsiedeln geborenen Arztes, Alchemisten, Theologen und Mystikers Paracelsus, dass letztlich die Menge eine Sache für uns Menschen ungesund oder „zum Gift macht“.

Persönlich erfahre ich das Fasten das ganze Jahr über als sinnvoll und hilfreich, wenn ich ganz gezielt und bewusst immer mal wieder etwas reduziere oder auf Dinge zu verzichten versuche, die meine Zufriedenheit, meine Gottesbeziehung oder meine Gesundheit nicht wirklich stärken und fördern, sondern ihnen sogar im Wege stehen, weil sie dazu neigen, mich mürrisch oder abhängig zu machen, unfrei, maßlos oder gar krank.

Das können für jemanden bestimmte Nahrungs- oder Genussmittel, Getränke oder der Fernseher sein, für jemand anderen das Internet und soziale Medien, wieder für andere auch gewisse Menschen, Cliquen und Gruppierungen.

Wo immer wir stehen auf unserem Lebensweg oder welcher Religion wir auch angehören – Fastenzeiten sind eine Einladung an alle Mensch, immer wieder die Frage zu verinnerlichen, ob wir wirklich unbedingt brauchen, was wir haben und ob wir haben, was wir wirklich brauchen.

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Zur Person

Pater Kolumban Reichlin

Geboren am
2. 3. 1971

aufgewachsen in Steinerberg (CH) mit vier Geschwistern

Ausbildung Matura; Benediktinerkloster Einsiedeln, dort Studium der Philosophie und Theologie sowie in den USA; 1997 Priesterweihe; Zweitstudium Weltgeschichte und Liturgiewissenschaften; Redakteur für die Klosterzeitschrift „Salve“; Dozent für Liturgiewissenschaften an der Theol. Schule des Klosters und Lehrer für Philosophie am klostereigenen Gymnasium Einsiedeln; seit 2009 Leitung der Propstei St. Gerold