Menschen von nebenan: Jovanka Djordjevic erlebt keinen Tag ohne Schmerzen

Vorarlberg / 01.04.2019 • 13:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Alltag von Jovanka Djordjevic spielt sich derzeit nur in ihrer Wohnung ab.  VN/HRJ
Der Alltag von Jovanka Djordjevic spielt sich derzeit nur in ihrer Wohnung ab. VN/HRJ

Die leidgeprüfte Frau hat ihre Hoffnung auf Hilfe noch nicht ganz aufgegeben.

Heidi Rinke-Jarosch

BREGENZ Der Weg vom Wohnzimmer zur Eingangstür ist mühsam. Auf Krücken gestützt schleppt Jovanka Djordjevic ihren über 150 Kilogramm schweren Körper durch den Gang, öffnet die Tür, quält sich dann ins Wohnzimmer zurück. Mit schmerzverzerrtem Gesicht lässt sich die 57-Jährige auf einen Stuhl nieder. Unerträglich sind die Schmerzen und dauernd präsent. Und das trotz Einnahme starker Schmerzmittel, darunter ein Morphinpräparat. „Ich habe Schmerzen beim Aufstehen, beim Sitzen, beim Gehen und beim Liegen“, zählt Jovanka Djordjevic auf.Natürlich weiß sie, dass ihr Gewicht die Hauptursache für das Leiden ist: „Abnehmen, abnehmen, abnehmen heißt es immer. Dazu brauche ich Bewegung. Aber wie soll ich abnehmen, wenn ich mich wegen der Schmerzen nicht bewegen kann? Ich stecke in einem Teufelskreis.“ Frau Djordjevic seufzt tief. Längst hat sie eine Odyssee an Arztbesuchen und Spitalsaufenthalten hinter sich. Auf der Diagnosenliste steht unter anderem: Diabetes, Coxarthrose, Osteochondrose, Polyneuropathie. Doch die Hoffnung auf eine Besserung ihres Zustands hat sie fast schon aufgegeben. „Denn wirklich helfen konnte mir bisher niemand“, ist ihre Begründung. „Ich bekomme nur Medikamente verschrieben.“ Sie stehe zwar auf einer Warteliste für Schmerztherapie und bekomme Infusionen, wenn sie es gar nicht mehr aushält. Dennoch habe sie die Freude am Leben verloren und auch schon Suizidgedanken gehegt.

Unfähig zu hassen

Bevor ihr Leiden begonnen hat, sei sie ein glücklicher Mensch gewesen, der gern gelebt und viel gearbeitet hat, erzählt Frau Djordjevic. Geboren wurde die Tochter serbischer Gastarbeiter 1963 in Naupare, einem 600-Seelen-Dorf nahe der Stadt Krusevac. Serbien war damals eine Teilrepublik Jugoslawiens, bis 1991 der Bürgerkrieg ausbrach. Den Zusammenbruch ihres Herkunftslandes hat Jovanka Djordjevic via Fernsehen mitverfolgt. „Es hat mir sehr leidgetan, dass es dort Krieg gab. Ich habe nie verstanden, was in die Menschen gefahren ist und dass sich so viel Hass entwickeln konnte. Ich habe noch nie jemanden gehasst. Ich kann das nicht.“

Sie war fünf oder sechs, als sie mit ihrer Mutter und vier Geschwistern nach Vorarlberg kam. Der Vater war schon vorher da. Drei Jahre lebte die Familie in Klaus, dann übersiedelte sie nach Deutschland in den Schwarzwald. Dort begegnete Jovanka Djordjevic dem Mann ihres Lebens und heiratete ihn 1979 im Alter von 16 Jahren. Bald darauf kehrte sie mit ihrem Ehemann, der damals in Lauterach lebte, nach Vorarlberg zurück. Zwischen 1979 und 1985 kamen ihre vier Kinder – drei Söhne, eine Tochter – zur Welt. Neben und nach der Kindererziehung arbeitete sie als Fabrikarbeiterin und als Reinigungskraft.

Seitdem ging es bergab

Vor 15 Jahren unterzog sich Jovanka Djordjevic aufgrund einer Arthrose einer Knieoperation. Dann trat eine Thrombose auf, und eine Nachoperation sei zudem nötig gewesen. „Seitdem ist es gesundheitlich bergab gegangen“, erinnert sie sich. Die Schmerzen wurden immer stärker, ihr Gewicht stieg.

Ihr Alltag spielt sich zurzeit nur in ihrer Erdgeschosswohnung in Bregenz ab: „Ich stehe langsam auf, trinke Kaffee, nehme die Medikamente ein. Dann lege ich mich auf die Couch, weil jede Bewegung weh tut.“ Ins Freie gehen kann sie allein nicht, sie ist auf Hilfe angewiesen. Zu den körperlichen Schmerzen haben sich auch seelische gesellt. „Ich wurde ausgelacht. Das verletzt sehr.“ Die aufsteigenden Tränen schluckt die leidgeprüfte Frau hinunter. „Ich weiß, dass ich abnehmen muss, aber ich schaffe es nicht allein.“ Ihre Familie sorge sich um sie, aber keiner wisse, wie man ihr helfen könne. Der Sohn, der bei ihr wohnt, ist selber krank. „Aber er ist da, wenn mir etwas passiert.“ Etwa falls sie stürzt. Allein kann sie nicht aufstehen. Da sind noch ihre Enkel, die liebt Frau Djordjevic sehr. Die Kinder geben ihr Lebensmut.

Der größte Wunsch

Wünsche? Oh ja: „Ich wünsche mir eine Freundin, die mit mir spazieren und schwimmen geht. Das wäre schön. Und ich würde gerne eine Reise machen. Am liebsten ans Meer. Nach Spanien. Oder Italien.“ Ihr größter Wunsch ist jedoch, „dass ich es schaffe abzunehmen, und zwar mindestens so viel, dass ich wieder in die Badewanne hineinkomme.“

ZUR PERSON

Jovanka Djordjevic

Geboren 24. Jänner 1963

Wohnort Bregenz

Beruf Arbeiterin und Mutter

Familie Verheiratet, Mutter von vier erwachsenen Kindern, Großmutter von zehn Enkeln