Autor Johannes Bröckers: „Am Ende wird Amazon unsere Freiheit verkaufen“

Vorarlberg / 06.04.2019 • 16:01 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Johannes Bröckers kritisiert in seinem Buch "Schnauze, Alexa!" die Datensammelwut und Monopolstellung von Internetgiganten wie Amazon.  Fotos: VN/Steurer
Johannes Bröckers kritisiert in seinem Buch „Schnauze, Alexa!“ die Datensammelwut und Monopolstellung von Internetgiganten wie Amazon. Fotos: VN/Steurer

Der deutsche Autor Johannes Bröckers rechnet in seinem Buch „Schnauze, Alexa!“ mit der Datensammelwut von Internetgiganten wie Amazon ab. Im VN-Interview erläutert er seine Kritik.

Dornbirn Er war selbst jahrelang Kunde bei Amazon, dem größten Onlinehändler der Welt. Doch seit seiner Recherche zu seinem 90-seitigen Büchlein „Schnauze, Alexa!“ ruft Johannes Bröckers zum Boykott auf. Die Vorarlberger Nachrichten trafen Bröckers auf der AK BuchSCHAU! der Dornbirner Frühjahrsmesse und fragten, warum.

Herr Bröckers, Sie warnen vor der Übermacht der „Big Four“, also Amazon, Google, Facebook und Apple. Warum ist es aus Ihrer Sicht problematisch, deren Dienste in Anspruch zu nehmen?

Ich habe begonnen, dieses Büchlein zu schreiben, weil ich mein eigenes, unreflektiertes Verhalten analysiert habe. Ich weiß, dass Amazon keine Steuern zahlt, seine Mitarbeiter schlecht behandelt und eine große Datenkrake ist: Wieso kaufe ich dann immer da ein? Was die Datensammelei angeht, ist es bei Google oder Facebook das gleiche Thema. Amazon ist nur ein gutes Beispiel, weil Jeff Bezos eine ursprüngliche Garagenfirma sehr marktradikal zu einem – neben Apple – der wertvollsten Unternehmen entwickelt hat, das eine riesige Marktdominanz besitzt. Amazon selbst bezeichnet sich als Alleskäufer, es möchte am liebsten jedes Produkt, das wir haben wollen, verkaufen, und das am besten noch bevor wir es selbst wissen. Am Ende wird Amazon unsere Freiheit verkaufen.

Aber es ist doch ganz bequem, wenn man per Mausklick fast alles bis vor die Haustüre geliefert bekommt – und eine Auswahl an Produkten, die mir auch noch gefallen könnten.

Das ist genau der Punkt, über den wir nachdenken müssen. Natürlich bietet Amazon einen tollen Service, das ist unbestritten. Das ist ja auch das Credo von Jeff Bezos, die Kundenzufriedenheit steht an erster Stelle. Das neueste Beispiel sind die Amazon Go-Läden, die ohne Kasse funktionieren. Da kann ich auch sagen: Super Service. Aber so ein Laden funktioniert mit der Gesichtserkennungs-Software „Amazon Recognition“, die auch an die amerikanische Polizei verkauft wurde. Da frage ich mich aber: Fühle ich mich in einem Laden wohl, der mit Gesichtserkennung arbeitet?

„Alexa ist ja nicht nur ein Lautspreher, der uns das Wetter ansagt, sondern ist mit sieben Mikrofonen ausgestattet, die all unsere Befehle aufzeichnen.“

Amazons Sprachassistent Alexa ist ja nicht nur ein Lautsprecher, der uns das Wetter ansagt, sondern ist mit sieben Mikrofonen ausgestattet, die alle unsere Befehle aufzeichnen, und in Zukunft unser smartes Zuhause steuert, also Lichtschalter an- und ausmacht, die Heizung reguliert und immer mehr Geräte verknüpft und steuert. So erhält Amazon detaillierte Lebensprofile, weiß, wann wir aufstehen, was wir zu Mittag essen und wann wir abends ins Bett gehen. Wo bleibt da der Schutz der Privatsphäre?

Warum ist es für Internetkonzerne überhaupt so wichtig, einen „gläsernen“ Kunden zu haben?

Je genauer ein Konzern weiß, wie mein Userverhalten ist, desto maßgeschneiderter kann er uns seine Dienste anbieten. Wenn ich bei meinen Vorträgen frage: „Wer hat denn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen?“, dann geht keine Hand hoch. Wenn man da mal nachsieht, was dort bei Amazon steht, stößt man zum Beispiel auf den Satz: „Wir personalisieren Ihre Erfahrungen.“ Man weiß nicht genau, was das nun heißt.

Ich höre häufig das Argument von Menschen, die sagen, ich habe ja eh nichts zu verbergen. Da muss ich sagen: Moment einmal! Das liegt vielleicht an meinem Alter, denn ich bin in einer Welt groß geworden, in der es das alles noch nicht gab und in der Werte wie unbeobachtete Privatheit noch geschätzt wurden. Die momentanen Entwicklungen gehen mir zu schnell und zu unreflektiert. Nicht, dass wir uns missverstehen, ich bin kein Technologie- oder Digitalisierungsfeind. Ich sehe große Chancen in der Digitalisierung, aber wir müssen die Bedingungen besprechen, unter denen sie stattfindet.

Deswegen sagt ja auch Andreas Weigend, früherer Chefwissenschafter bei Amazon, dass wir in dieser Post-Privacy-Economy die Macht über unsere Daten zurückgewinnen müssen. Das Minimum, das wir uns erwarten sollten, ist Transparenz: Welche Daten werden von mir gespeichert und warum?

Wäre die Politik aufgefordert, mehr Regeln in der digitalen Welt einzuführen, um für fairen Wettbewerb zu sorgen? Stichwort Digitalsteuer, die diese Woche von der österreichischen Regierung beschlossen wurde.

Das Beispiel der Digitalsteuer zeigt das große Problem, das die Politik nicht angehen will, denn in der EU war eine dreiprozentige Umsatzsteuer nicht umsetzbar. Nun versucht Österreich eine Digitalsteuer von fünf Prozent, diese Höhe ist sowieso lächerlich, im Alleingang umzusetzen. Wir sitzen hier in der Dornbirner Messe. Die Unternehmer hier wären froh, wenn sie nur so wenig Steuern zahlen müssten.

Wissenschafter der Universität Berkeley haben jüngst berechnet, dass die global agierenden Internetkonzerne pro Jahr 55 Milliarden Dollar über Steueroasen ins Ausland verschieben. Dadurch fehlen allein der Bundesrepublik Deutschland 28 Prozent des Gesamtaufkommens an potenziellen Unternehmenssteuern. Wir müssen uns ständig anhören, dass wir nicht genug Geld für Bildung oder Infrastruktur haben. Da frage ich mich, wieso diese Großkonzerne verschont und nicht in die Pflicht genommen werden, obwohl sie so viel verdienen? Natürlich ist da die Politik auch im Sinne eines fairen Wettbewerbs gefordert.

„Ich frage mich, warum die Großkonzerne nicht in die Pflicht genommen werden, obwohl sie so viel verdienen.“

Was kann ich als einzelner Konsument machen?

Wir Konsumenten können Druck machen, in dem wir zum Beispiel eine Pause von Amazon einlegen, bis die entscheidenden Fragen geklärt sind. Ich möchte, dass die Leute aufwachen. Wir müssen uns klar darüber werden, dass diese Datensammelwut uns transparent macht und letztlich zu reinen Kunden degradiert. Das Problem ist ja: Selbst wenn wir morgen unser Amazon-Konto kündigen, haben Streamingdienste wie Netflix oder Spotify ihre Server bei Amazon gepachtet. VW hat diese Woche angekündigt, eine gemeinsame Cloud mit Amazon für die Autoproduktion zu schaffen und auch die CIA hat eine Secret Cloud auf Amazon.

Warum kann man Ihr Buch, in dem Sie Amazon kritisieren, auf Amazon kaufen?

Auf Amazon hat das Buch viele Rezensionen mit nur einem Stern, weil mir Unglaubwürdigkeit vorgeworfen wird. Dazu muss ich sagen, dass jedes Buch, das mit einer ISBN (Internationale Standardbuchnummer, Anm.) auf den Markt kommt, von jedem Buchhändler verkauft werden kann, also auch von Amazon. Das heißt, weder ich noch der Verlag können das verhindern. Strategisch betrachtet, finde ich das aber gar nicht blöd, denn damit spreche ich die Menschen dort an, wo ich sie erreichen will.

Johannes Bröckers, Jahrgang 1960, studierte Germanistik und Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitete als Journalist, Texter und Creative Director in der Werbung. Er lebt und arbeitet als Autor, Marketingberater und Dozent in Frankfurt am Main. Sein Buch „Schnauze, Alexa! Ich kaufe nicht bei Amazon“ (ISBN 978-3-86489-251-6) erschien im Westend Verlag.