Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ich merk mir sowas, ich lerne immer noch

08.04.2019 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Jemand aus der Familie, ich darf nicht sagen wer, sagte: Die Lesung hat mir gut gefallen, du hast nur vergessen, die Leute zu begrüßen. Ich sagte: Aber der Moderator hat die Leute begrüßt! Die Person sagte: trotzdem. Okay, es stimmt, und es tut mir leid, ich habe in Bregenz nur grußgenickt, als der Moderator die Begrüßung vornahm; es wird nicht mehr vorkommen. Es kam gleich in Gottlieben am Bodensee nicht mehr vor, wo ich die Moderatorin unterbrach, um die Zuhörerinnen und Zuhörer ja nicht unbegrüßt zu lassen. Ich merke mir sowas, ich lerne immer noch.

„Die Lesung hat mir gut gefallen, du hast nur vergessen, die Leute zu begrüßen.“

Wenn man eine Lesetour macht, ist es eine gute Idee, wenn man genau in die Mitte eine Lesung in der Herkunftsheimat einschiebt. Dann kann man im alten Kinderzimmer (jetzt: Fernsehzimmer) schlafen und wird von den Eltern verwöhnt, als sei man immer noch acht Jahre alt. Ich mag das. Ich setze mich auf die Kücheneckbank meiner Eltern und verlerne schlagartig alles, was ich im Laufe meines Erwachsenenlebens gelernt habe, und wenn ich gefragt werde, was ich zMittaaag essen will, dann sage ich: Brätschnitzel mit Erbsen. Und es schmeckt genau so gut wie früher.
In meiner eigenen Familie, die, in der ich die Erwachsene bin, wurde unlängst beschlossen, weniger Fleisch zu essen. Das war im Zuge der großen Klimaschutz-Demonstration. An den Demos und ihren jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde viel herumkritisiert: Die seien ja gar nicht richtig politisch diese Jugendlichen, und manche Medien lauerten ihnen bei Schnellimbissen auf, um sie der Heuchelei zu überführen. Entschuldigung, sie gehen dort hin, weil unsere Generation ihnen diese Fastfood-Restaurants gebaut und ihnen mit viel gezielter Werbung eingeimpft hat, dass sie dort Industriefutter aus Wegwerfgeschirr essen und Zuckerlimo aus Plastikbechern trinken sollen. Das ist nicht ihre Schuld, sie wurden so gemacht. Es ist gut und unterstützenswert, wenn diese junge Generation jetzt einen Ausweg sucht aus der Misere, in die die Generationen vor ihnen sie gestürzt haben. Und auch wenn sie unpolitisch zu diesen Demos gehen: Sie kommen politisiert zurück. Unter anderem wollen einige von ihnen danach weniger Fleisch essen, am besten gar keines unter der Woche.
Ich unterstütze das, auch, weil mir wieder eingefallen ist, dass es auch in meiner Kindheit unter der Woche kaum Fleisch gab, vor allem, weil es teuer war. Es war kein Problem; man hatte Käse, man tat ein bisschen Speck zu den Kartoffeln und zu den Bohnen und man wich auf das viel billigere Brät aus. Und machte halt daraus Schnitzel. Und ihr könnt sagen, was ihr wollt: Auf der alten Eckbank schmecken sie immer noch.

Doris Knecht
doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.