Als Kind missbraucht: Wie eine Frau trotzdem ihre Würde bewahrte

Vorarlberg / 17.04.2019 • 16:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Missbrauchsopfer möchte anonym bleiben. VN/kum
Das Missbrauchsopfer möchte anonym bleiben. VN/kum

Als Kind missbraucht und mit 18 Jahren einen Mann geheiratet, der gewalttätig war.

SCHWARZACH Christine* (51) mied jahrelang den Blick in den Spiegel. „Ich habe mein Spiegelbild nicht ertragen.“ Heute weiß sie, warum das so war. „Ich habe mich selber abgelehnt, weil mir seit meiner Geburt Ablehnung entgegengebracht wurde.“ Christine war ein uneheliches Kind. Ihr leiblicher Vater war Grieche. Ihm wurde der Kontakt zu seiner Tochter verwehrt. „Ich habe meinen Vater nie kennengelernt und nie ein Foto von ihm gesehen, obwohl er in derselben Stadt wohnte wie ich. In ihm hätte ich vielleicht einen Verbündeten gehabt.“ Die Oma und die Mutter gaben ihr zu verstehen, dass sie ein Bastard ist. „Das überschattete mein ganzes Leben. Ich ging mit dem Schmerz des Nicht-da-sein-Dürfens in jeden Tag hinein.“

Übergriffe durch Stiefvater

Christines Mutter, eine Lehrerin, war depressiv und medikamentenabhängig. Sie vernachlässigte ihr einziges Kind und war nicht fähig, gut für es zu sorgen. „Ich hatte oft Hunger, weil sie nichts kochte und beim Essen sparte.“ Dem Kind wurde auch zum Verhängnis, dass seine Mutter heiratete und es einen Stiefvater bekam. Dieser Mann, den Christine Papa nannte, näherte sich ihr unsittlich. Die Übergriffe begannen, als sie circa drei Jahre alt war. „Es passierte in der dunklen Küche, beim Fernsehschauen. Er fasste mich an meinen Geschlechtsteilen an.“ Damit kamen Angst, Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins in das Leben des kleinen Mädchens. „Ich hatte Albträume.“

Ihre Mutter schützte sie nicht vor den sexuellen Belästigungen. „Sie war Mittäterin. Denn sie bemerkte die Übergriffe, unterband sie aber nicht.“ Auch sonst war niemand da, der dem Kind hätte helfen können. „Ich hatte keinen Freund in der Familie. Aber zum Glück gab es schon damals Gott für mich. Da war einer, dem ich nicht egal war, der mich liebte und der zu mir kam, wenn ich krank war.“ Christine dachte daran, von zu Hause wegzulaufen. „Aber ich sah keine Chance, mich in der großen Stadt allein durchzuschlagen.“ Erst als Christine in die Pubertät kam, ließ ihr Stiefvater von ihr ab.

Mit 17 Jahren zusammengebrochen

Der sexuelle Missbrauch und die Vernachlässigung blieben nicht ohne Folgen für Christine. Mit 17 Jahren erlitt die Gymnasiastin einen Zusammenbruch. „Es war, als ob eine Welle mich ins offene Meer hinausgeworfen hätte.“ Die gute Schülerin musste kurz vor der Matura von der Schule gehen. „Ich verlor mein Gedächtnis. Auf einmal merkte ich mir nichts mehr.“ Christine wäre so gerne Dolmetscherin geworden. Aber ihr Zustand machte alle ihre Lebensträume zunichte. „Es gelang mir mit aller Willenskraft nicht, einen Abschluss zu machen, weder schulisch noch beruflich.“ Das machte sie sich lange zum Vorwurf. Aber heute ist sie der Überzeugung, dass sie es unter diesen Umständen gar nicht schaffen hätte können. „Doch das, was ich geschafft habe, ist trotzdem wunderbar. Ich habe überlebt, bin nicht süchtig geworden und nicht auf die schiefe Bahn geraten.“

Auch als Mutter versagte sie nicht. Ihre wohlgeratenen Kinder sind heute ihr ganzer Stolz. Vom Vater ihrer Kinder hat sie sich scheiden lassen, „weil er mich geschlagen hat“. Christine floh mit ihren Kindern aus der Großstadt und wagte einen Neuanfang in Vorarlberg. „Meine Kinder waren nicht mehr sicher. Mein Stiefvater hatte sich auch an sie herangemacht“, erklärt sie die Gründe für diesen Schritt.

Obwohl das Geld immer sehr knapp war, brachte die alleinerziehende Mutter sich und die Kinder durch. „Ich bin putzen gegangen.“ Im Jahr 2009 erkrankte die Alleinerzieherin an einer Erschöpfungsdepression. „Mein Körper streikte. Ich schlief 16 Stunden am Tag.“ Erst nach Jahren kam Christine aus der Depression heraus.

Wütend auf das Schicksal

Heute lebt sie von der Invaliditätsrente. „Das Abrufen von Kraft und Fertigkeiten gelingt mir manchmal nicht, auch wenn ich noch so will“, zeigt sie auf, warum sie nicht mehr arbeitsfähig ist. Die Rente reicht gerade für das Nötigste. „Es ist schwer, mit so wenig Geld auszukommen. Ohne die Unterstützung meiner Kinder käme ich nicht durch. Eigentlich sollte es umgekehrt sein“, grämt sie sich. Manchmal ist sie wütend auf ihr Schicksal. „Es macht mich traurig, weil ich sehe, was mir alles versagt wurde.“

Trotz aller Verletzungen, die ihr das Leben zufügte: Ihre Würde und Lebensfreude ließ sie sich nie rauben. Besonders lebendig und froh fühlt sie sich beim Tanzen. Dieses hat seit jeher große Bedeutung für sie. Schon als Kind tanzte sie gerne, „weil es mich befreite und locker machte. Da floss das Leben ohne Schmerz.“ Aber auch das Schreiben von Gedichten erfüllt sie. Derzeit überlegt sie, ob sie nicht ein Buch schreiben soll über die Kraft, die aus Schmerz erwachsen kann bzw. über das Leben, das aus Traumata entsteht.

Christine hat heute noch etwas vor. „Ich gehe in die Disco Hip- Hop tanzen“, sagt sie voller Vorfreude und verschwindet im Bad. Dort macht sie sich vor dem Spiegel hübsch. Sie zupft ihre Haare zurecht, legt Make-up und Lippenstift auf und tuscht ihre Wimpern. Dann lächelt sie ihrem Spiegelbild zu. Denn sie findet sich hübsch und liebenswert.

 

* Name von der Redaktion geändert