Mit Kirchengrund gegen Wohnungsnot

Vorarlberg / 17.04.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Auch in Schröcken wurde auf dem Grundstück der Pfarre gebaut. STP

Das Problem des prekären Wohnens sei längst in der Mittelschicht angekommen, sagt die Expertin Evelyn Dawid.

Schwarzach Als im zweiten Halbjahr 2015 die Flüchtlingswelle den Höhepunkt erreichte, wurden auch im Land Vorkehrungen getroffen. Flüchtlinge bezogen leere Turn- und Fabrikshallen, verwaiste Gasthöfe wurden umfunktioniert, kleine wie große Quartiere standen zur Verfügung. In anderen Bundesländern musste man sich mit großen Zelten und Containern behelfen. Auch Vorarlberg zog diese Möglichkeit in Erwägung. Bischof Benno Elbs bot im August 2015 42 Grundstücke an, auf denen im Notfall Wohncontainer aufgestellt werden konnten. Das Angebot musste aber nie angenommen werden.

Wohnbau statt Container

Ein halbes Jahr später präsentierte die Landesregierung ein Sonderwohnbauprogramm. 150 günstige soziale Wohnungen sollen pro Jahr entstehen. Gemeinden, Private sowie Pfarren und Diözesen hätten bereits Grundstücke gemeldet. Darunter befinden sich auch einige der 42 Grundstücke von 2015. Drei Jahre später sind einige davon bereits bebaut, wie die Diözese auf VN-Anfrage bestätigt. Wie dringend diese Wohnungen benötigt werden, zeigen aktuelle Zahlen der Arge Wohnungslose.

Demnach ist die Wohnkostenbelastung gestiegen. Österreichweit geben drei Viertel aller Haushalte mehr als 30 Prozent fürs Wohnen aus. Ein Drittel sogar mehr als 40 Prozent. Die Arge Wohnungslose fragt auch jedes Jahr die Situation ihrer Klienten ab. Im Jahr 2017 bewohnten 394 Klienten der ambulanten Hilfe eine Miet- oder Eigentumswohnung, im Vorjahr 395. Während im Jahr 2017 noch 107 davon bis zu 30 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgegeben haben, waren es ein Jahr später 91. 174 Klienten gaben zwischen 30 und 40 Prozent ihres Einkommens aus, im Jahr 2017 waren es 38 Prozent (150 Klienten). 33 Klienten mussten mehr als die Hälfte fürs Wohnen aufwenden. Insgesamt betreute die Arge Wohnungslose im Vorjahr 832 Menschen, fünf Jahre zuvor waren es noch 608. Im Jahr 2016 stieg die Zahl auf 900.

Die Zahlen wurden kürzlich auf einer Caritas-Veranstaltung mit dem Titel „Recht auf Wohnen“ präsentiert. Mit dabei war auch Evelyn Dawid, Sozialwissenschaftlerin und Expertin für prekäres Wohnen. Vor allem der Wohnungspreis sei ein Problem, betont sie. „Empfohlen wird, dass bis zu 30 Prozent des Einkommens fürs Wohnen ausgegeben werden. Die Zahlen zeigen, dass es schon lange nicht mehr so ist.“ Mittlerweile laufen nicht nur die unteren Einkommenssegmente Gefahr, in prekäre Wohnverhältnisse zu rutschen, auch die Mittelschicht kämpfe mit den hohen Wohnkosten. Besonders nach einer Trennung könne es zu Problemen kommen.

Viele Formen

„Zu den besonders gefährdeten Gruppen zählen auch unterhaltspflichtige Väter“, fährt Dawid fort. Prekäres Wohnen könne vieles sein: Schimmel und Schäden, fehlende Mietverträge, zu kleine Wohnungen. „Mir ist ein Extremfall in Innsbruck bekannt. Dort haben sieben Frauen auf 22 Quadratmetern gewohnt.“ Vor allem am privaten Mietmarkt würden die Kosten steigen. „Wenn man wirklich etwas tun möchte, müsste man regulatorisch eingreifen“, betont Dawid. Ansonsten könne auch der gemeinnützige Wohnbau forciert werden. „Dabei muss man aber auf die Durchmischung achten“, ergänzt sie.

Kirche hat noch Platz

In Vorarlberg ist der gemeinnützige Wohnbau bekanntlich ein Mittel der Wahl. Die drei Sozialwohnbauträger bauen auch auf kirchlichen Böden, erklärt Andreas Weber von der Diözese Feldkirch. „Es gibt Projekte in Dornbirn, Meiningen, Rankweil, Götzis und Sulz. Jedes Jahr kommen zwei bis drei dazu, zum Beispiel in Raggal, Marul, Warth und Schröcken“, erklärt er. „Bei den 42 Grundstücken für Container waren aber einige mit landwirtschaftlicher Widmung dabei. Die fallen für den Wohnbau weg“, fährt Weber fort. Die Grundstücke gehören meistens den Pfarren. „Manchmal ist es schwierig, sie zu überzeugen, dass sie nicht den vollen Baurechtzins verlangen.“ Am Ende klappe es aber. Derzeit sei Bauplatz für rund zehn Projekte da. „Soeben haben wir in Lauterach unterschrieben.“