Interview: Wie es in den Vorarlberger Moscheen aussieht

Vorarlberg / 22.04.2019 • 08:05 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Eva Grabherr hat sich intensiv dem Innenleben der Vorarlberger Moscheen gewidmet. VN/Steurer
Eva Grabherr hat sich intensiv dem Innenleben der Vorarlberger Moscheen gewidmet. VN/Steurer

VN-Interview mit Dr. Eva Grabherr, Leiterin der Projektstelle „okay.zusammen leben“ und Autorin einer Studie über die Vorarlberger Moscheegemeinden.

Dornbirn Wie sieht es in Vorarlbergs Moscheevereinen aus? Was denken die Vorstände? Welche Rolle spielt die Politik? Solchen Fragen ging die Projektstelle „okay.zusammen leben“ in einer Studie nach (die VN berichteten). Studienautorin Eva Grabherr spricht im VN-Interview über ihre Erkenntnisse.

Sie haben Vorarlbergs Moscheevereine untersucht. Was haben Sie sich angesehen?

Unser Fokus lag auf der lokalen Ebene. Wir haben uns auch den kleinen Gebetsräumen gewidmet, aber vor allem den 32 Moscheevereinen der fünf Dachverbände. Der Generationenwechsel war bei allen spürbar. Auch, dass sie sich in den letzten 15 Jahren bemühen, eine Brückeninstitution in die Umgebung zu werden, mit Tag der offenen Türen, Kermes-Einladungen und so weiter. Außerdem wird Deutsch als Verkehrssprache in den Moscheevereinen deutlich wichtiger.

„Es war ein wildes Jahr für die Studie.“

Eva Grabherr

Die Studie fand in einer Zeit statt, in der gerade viel diskutiert wurde über doppelte Staatsbürgerschaften, Atib, Wolfsgruß …

… eine Regierung, die sich im ersten Jahr vorgenommen hat, sich im Kampf gegen den politischen Islam zu profilieren. Es war ein wildes Jahr für die Studie.

Hat es deshalb Aufruhr in den Vereinen gegeben?

Ja deutlich. Die Studie im Auftrag des Landes wurde zunächst als große Misstrauenserklärung gelesen.

VN/Steurer
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In der Türkei wächst der Nationalismus, die Pressefreiheit wird eingeschränkt, der Staat wird autoritärer. Wirkt sich der Nationalismus auf die Moscheevereine im Land aus?

Dazu müssten wir auch bei den Mitgliedern anfangen zu untersuchen. Ich kann nur über die Führungsebene sprechen. Da muss man differenzieren. Bei Atib und ATF gibt es noch wenig Einsicht in die inhaltliche Dimension der Kritik, sondern eher eine beleidigte Reaktion. Bisher habe man sich ja auch nicht aufgeregt, sagen sie. Das stimmt übrigens. ATF war ja schon immer mit einer sehr nationalistischen bis rechtsradikalen Partei in der Türkei verbunden. Bisher hat das nur ein paar Wissenschaftler interessiert, das ändert sich nun. Damit müssen sie umgehen lernen. Auf schriftlicher Ebene nimmt ATF die Kritik wahr und versucht sich zu distanzieren. Bei Atib ist sie deutlicher angekommen.

Es war auch eine ATF-Moschee, die wegen des Wolfsgrußes in die Medien kam.

Ich fand es verwunderlich, dass der Vorarlberger Verband nicht mit uns gesprochen hat. Sie haben gesagt, es gebe keinen Verband, die Vertreter seien zurückgetreten.

Was ist passiert?

„Ich fand es verwunderlich, dass der Vorarlberger Verband nicht mit uns gesprochen hat.“

Eva Grabherr

Alle ATF-Moscheevereine haben den Fragebogen zurückgeschickt. Als wir den Dachverband dann zu Gesprächen eingeladen haben, kam keine Reaktion. Auf Nachfrage haben sie gesagt: ‚Es gibt auf Vorarlberger Ebene keinen Dachverband mehr, weil die zentralen Akteure zurückgetreten sind.‘ Später erhalten wir eine Nachricht von ATF in Hard, dass sie unbedingt mit uns sprechen möchten, allerdings nicht für ganz Vorarlberg. Das sieht nach einer Strategie der Proponenten auf Verbandsebene aus. Sie wussten durch den ausgesendeten Leitfaden, dass wir über die Herkunftsbeziehung, über die Frauenfrage, über soziale Integration sprechen möchten.

Die Kritik am Wolfsgruß haben sie auch nicht verstanden, er wurde sogar verteidigt. Warum?

Ich bin Judaistin und habe ein jüdisches Museum in Zeiten von Waldheim aufgebaut. Ich weiß: Wenn etwas, was eine Gruppe tut, von außen angegriffen wird, reagiert sie oft, indem sie sich schließt. In dieser Phase sind sie jetzt. Eine andere kleine Moscheegemeinde in Hard sagte, sie würden sich gar nicht mehr auskennen. Jetzt würden schon die Grünen und die Sozialdemokraten gegen sie sein. Diesen Punkt halte ich für einen Normalisierungsprozess. Sie sind im Land angekommen und Staatsbürger, jetzt muss man auch offen über ihre politische Einstellung diskutieren. Das ist normal. Manche tun sich noch schwer mit dieser Veränderung.

VN/Steurer
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Eine Wiener Moscheestudie sorgte für Aufregung, als sie Inhalte der Predigten veröffentlichte. Wie sieht es in Vorarlberg aus?

Das war eine völlig andere Studie. In Wien wurden Predigten von ein paar Imamen untersucht. Ich kenne die Wiener Studie sehr gut. Die Punkte, die uns besonders relevant vorgekommen sind, haben auch wir verwendet. Wir haben die Vereine um Stellungnahmen zu den Inhalten gebeten.

Wie lauten die?

Eine Predigt ist etwas anderes als ein rationales Gespräch. In den allermeisten Moscheen wird eine konservative sunnitische Theologie vertreten. Das ist demokratiepolitisch so weit noch nicht gefährlich. Aber Imame unserer Studie antworteten auf kritische Aussagen der Wiener Imame in dem Sinne: ‚Das ist dann nicht Islam‘. Der renommierte Theologe Zekirija Sejdini von der Universität Innsbruck, der in unserer Studie fachlich beraten hat, meint zu dieser Haltung, es gehe nicht an, zu sagen, es sei kein Islam, sobald etwas nicht passt. Imame heute hier müssten sich kritisch mit den religiösen Quellen des Islam auseinandersetzen.

„Aber Imame unserer Studie antworteten auf kritische Aussagen der Wiener Imame in dem Sinne: ‚Das ist dann nicht Islam‘.“

Eva Grabherr

Wie sehen die Predigten der Imame in Vorarlberg aus?

Ich weiß nicht, ob etwas wie ihn Wien herausgekommen wäre, wenn wir sie beobachtet hätten. Wenn du ständig das Gleiche sagst, das aber immer unwidersprochen bleibt, kann so etwas herauskommen. Die Imame kommen aus ganz anderen Milieus, sie wurden nicht hier ausgebildet und kennen die Gesellschaft nicht. Vielleicht sind sie Hardliner, vielleicht sagen sie solche Dinge aber auch, weil man in islamisch geprägten Ländern einfach so redet.

VN/Steurer
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Geben die Verantwortlichen in den Moscheen Frauen die Hand?

Mir wurde kein Handschlag verweigert. Einer Frau nicht die Hand zu geben ist demokratiepolitisch noch nicht gefährlich, was nicht bedeutet, dass ich es gutheiße. Als wir das jüdische Museum starteten, bin ich oft nach Israel gereist. Kein orthodoxer Jude hat mir die Hand gegeben. Auch wenn es mir nicht passt, ich war es gewöhnt. Man muss halt aufpassen und nicht mit zweierlei Maß messen, wenn es um Muslime geht. In der Wiener Moscheestudie war vieles zu lesen, bei dem ich sage: Gehen Sie zu den Zeugen Jehovas, zu den Adventisten, zu den Juden, da hast du das Gleiche. Immer nur bei gewissen Gruppen natürlich.

Wie gehen die Moscheevereine mit der Frauenfrage um?

Sie ist natürlich ein Thema, wie auch in der katholischen Kirche. Nur bei einem Fokusgespräch war eine Frau dabei. Alle haben eine Frauensprecherin, aber auf der Vorstandsebene sind Frauen kaum präsent. Auch die Trennung von Frauen- und Männerräumen über den engen religiösen Bereich hinaus ist zwar nicht demokratiepolitisch gefährlich, erzeugt aber gewisse Bilder bei Buben und Mädchen. Das sollten die Vereine überdenken.

VN/Steurer
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In Feldkirch gab es sogar einen salafistischen Gebetsraum. Haben Sie den untersucht?

Die Menschen haben nicht mit uns gesprochen. Thomas Schmiedinger war zweimal dort. Natürlich haben sie mit ihm geredet, aber nicht für die Studie. Er beobachtet die Szene aber schon länger.

Der Raum wurde nun geschlossen, ist das Problem also gelöst?

Nur, weil es den Raum nicht mehr gibt, bedeutet es nicht, dass die Gemeinschaft nicht mehr da ist. Wir können zwar nicht sagen, wie die einzelnen Mitglieder denken, aber wir wissen, dass Leute von dort zum IS gegangen sind.

„Wir können zwar nicht sagen, wie die einzelnen Mitglieder denken, aber wir wissen, dass Leute von dort zum IS gegangen sind.“

Eva Grabherr

Moscheen haben durch die Flüchtlinge Zulauf bekommen. Könnten die arabischen und afrikanischen Muslime für Konflikte innerhalb der Vorarlberger Moscheen sorgen?

Danach sieht es überhaupt nicht aus. Es gibt viele Erzählungen, wie die Moscheen die Flüchtlingsintegration unterstützt haben. Fastenbrechen wurde in Zelten von Atib gefeiert, es wird gemeinsam gebetet.

VN/Steurer
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Wie politisch sind die Moscheegemeinden?

Die Verantwortlichen wollen keinen Wahlkampf in den Moscheen, aber politisch Interessierte können natürlich gläubig sein, sagen sie. In dieser Frage sind die Verantwortlichen deutlich aufmerksamer geworden. Das ist sicher eine Folge der kritischen Debatten der letzten Jahre. Die Frage betrifft auch nicht alle islamischen Verbände gleich stark. Wie weit die Abgrenzung konkret umgesetzt wird, muss beobachtet werden.

„Derzeit könnte das Potenzial groß sein, weil die Stimmung Türken-kritisch ist.“

Eva Grabherr

Heuer ist Landtagswahl. Welche Chancen geben Sie einer Partei wie der HAK?

Der Anteil Türkeistämmiger beträgt in Vorarlberg rund zehn Prozent, nicht alle aber dürfen wählen. Ich nehme auch an, dass die HAK außerhalb der Community kaum Stimmen ergattert. Bei solchen Listen spielt die aktuelle politische Diskussion immer eine Rolle. Derzeit könnte das Potenzial groß sein, weil die Stimmung Türken-kritisch ist.

Die komplette Studie zum Download