Caritas und IfS schlagen Alarm: Immer mehr Menschen vereinsamen

Vorarlberg / 23.04.2019 • 13:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Die Pfarrcaritas Vorarlberg will die zunehmende Vereinsamung von Menschen mit einem Projekt bekämpfen.

Schwarzach. Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft ein großes Thema. Den Beratern und freiwilligen Helfern großer Sozialinstitutionen wie der Caritas und dem IfS ist aufgefallen, dass Menschen zunehmend unter Einsamkeit leiden und isoliert leben. Besonders betroffen sind demnach vor allem ältere Menschen und Zuwanderer. „Immer mehr Klienten kommen wegen dieses Problems zu uns oder fragen bei uns an“, sagt Michael Thaler, Leiter des IfS-Fachbereichs Familienberatung. 

Einsamkeit kann viele Gründe haben: Tod des Partners, Scheidung, familiäre Konflikte, bei Zuwanderern das mangelnde soziale Netz. Außerdem sei Einsamkeit eine Folge bzw. eine Begleiterscheinung des gesellschaftlichen Wandels. Die Gesellschaft habe sich durch die immer stärker werdende Individualisierung verändert. „Die Werte haben sich verschoben, weg von der Familie hin zur Individualität.“ Laut Thaler hat die Familie nicht mehr die Bedeutung, die sie früher hatte. „Sie hat im Leben vieler Menschen ihren Wert verloren, zumindest phasenweise.“

Besuchsdienste für einsame Menschen

Bei der Caritas überlegt man schon länger, was man der Vereinsamung von Menschen entgegensetzen bzw. wie man einsame Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft holen könnte. Herausgekommen ist das Projekt „le.na“. le.na steht für lebendige Nachbarschaftshilfe. Im Zuge des Projekts besuchen freiwillige Mitarbeiter von le.na alleinstehende und isoliert lebende Menschen in ihren Wohnungen oder in einer Senioreneinrichtung und schenken ihnen Zeit. Sie hören zu und sind offene Gesprächspartner, begleiten die Menschen bei Spaziergängen oder kleinen Ausflügen, lesen ihnen vor oder unterstützen diese Menschen in materiellen Fragen. Bei Bedarf begleiten sie diese auch bei Behördengängen.

“Die Familie hat nicht mehr die Bedeutung, die sie früher hatte.”

Michael Thaler, IfS-Psychologe

„Im Raum Bludenz haben wir bereits im Vorjahr die ersten Besucherpools aufgebaut. Heuer wollen wir das auch in den anderen Regionen Vorarlbergs vorantreiben“, erklärt Ingrid Böhler, die seit 13 Jahren den Fachbereich Pfarrcaritas und sozialräumliches Handeln leitet. Neben dem Aufbau von Besucherpools sollen auch Begegnungsräume geschaffen werden, wo man sich unkompliziert und ohne Konsumzwang begegnen kann. In Bludenz wurde das mit dem Donnschtig-Café bereits umgesetzt. „Mit dem Projekt le.na möchten wir aber auch einen Bewusstseinsprozess in Gang setzen, der Menschen für die unterschiedlichen gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Einsamkeit und Isolation sensibilisiert und soziales Engagement in Gemeinde und Nachbarschaft als Teil der Gesundheitsförderung versteht und in diesem Sinne auch ermöglicht und stärkt“, sagt Böhler.

Chronische Einsamkeit macht krank

Chronische Einsamkeit macht krank. Das beweisen zahlreiche Studien. Fehlten den Menschen soziale Beziehungen, so stellten die Forscher ähnliche Auswirkungen fest wie beim Rauchen von 15 Zigaretten am Tag, Übergewicht oder Alkoholismus. Außerdem ist das Risiko von Herzerkrankungen bei einsamen Menschen erhöht. Sie leiden unter Schlafstörungen und sind öfter krank, da ihr Immunsystem schwächer ist. Mit rund 1,5 Millionen Single-Haushalten in Österreich haben sich die Ein-Personen-Haushalte seit 1986 verdoppelt, was viel Potenzial für soziale Isolation und somit Einsamkeit birgt. Auch in Vorarlberg nahm die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in den vergangenen drei Jahrzehnten stark zu. 1985 lebten im Ländle 23.000 Menschen allein. Heute sind es 55.900. In England reagierte die Politik bereits auf die zunehmende Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung. Sie richtete im Vorjahr ein Ministerium für Einsamkeit ein.

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