Dem Verbrecher gelang es nicht, ihren Willen zu brechen

Vorarlberg / 23.04.2019 • 20:21 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Cornelia überlebte und wurde eine starke Persönlichkeit. kum
Cornelia überlebte und wurde eine starke Persönlichkeit. kum

Als junge Frau wurde Cornelia mehrfach vergewaltigt und mit dem Tod bedroht.

Schwarzach Sie erlitt in ihrem Leben zwei Traumata. Die erste Traumatisierung geschah, da war Cornelia (57) noch sehr klein, gerade einmal vier Jahre alt. Weil das Kind an Keuchhusten litt, brachten es seine Eltern für einige Wochen in eine Klinik im Allgäu. „Dort wurde ich schwer misshandelt“, erzählt Cornelia. Immer wenn das Mädchen aus Heimweh weinte, fixierten die geistlichen Schwestern das „böse“ Kind im Bett. „Sie banden mich an Händen und Füßen fest. Ich konnte nicht auf die Toilette gehen.“

„Sei ruhig, sonst steche ich dich ab“

Es blieb nicht aus, dass das Mädchen ins Bett näßte. „Dann schimpften die Schwestern erst recht mit mir.“ Cornelia, die aufgrund ihrer Krankheit von den anderen Kindern isoliert wurde, fühlte sich hilflos und alleingelassen. Nach dem Aufenthalt in der Klinik machte das Mädchen häufig in die Hose. Später, als Erwachsene, litt sie an chronischer Verstopfung.

Das zweite Trauma wog vermutlich noch schwerer als das erste. Es passierte in ihrer Jugend, in Zürich. Dort arbeitete die 18-jährige gelernte Köchin aus Bregenz in einem Hotel. „Ein Bekannter nahm mich jeden Sonntag von Bregenz nach Zürich mit dem Auto mit. Einmal bestand er darauf, dass wir noch in ein Lokal gehen. Dort füllte er mich ab. Dann ging er mit mir in seine Wohnung.“ Dort geschah das Verbrechen. „Er versuchte mich zu vergewaltigen. Aber ich wehrte mich. Dann zückte er ein Messer, hielt es mir an den Hals und drohte mich umzubringen. Er sagte: ,Wenn du nicht ruhig bist, steche ich dich ab.‘“

Die junge Frau wollte leben. „Deshalb habe ich es über mich ergehen lassen.“ Es blieb nicht bei der einen Vergewaltigung. Der gewalttätige Mann zwang sie, ihr Zimmer aufzugeben und zu ihm zu ziehen. Wenn sie es nicht tue, werde er sie umbringen, drohte er ihr. Cornelia war so eingeschüchtert, dass sie ihm gehorchte. Einmal verging er sich derart an ihr, dass sie starke Blutungen bekam. „Ich brach am Arbeitsplatz zusammen. Der Koch fand mich im Kühlraum in einer Blutlache.“ Im Spital teilten ihr die Ärzte mit, dass sie keine Kinder bekommen würde können. „Das war niederschmetternd für mich. Denn ich wollte immer eine eigene Familie haben.“

„Ich wollte keine Frau mehr sein“

Cornelia flüchtete zu ihren Eltern nach Bregenz. „Ich erzählte ihnen alles. Aber sie glaubten mir nicht. Das war für mich fast noch schlimmer als die Vergewaltigung.“ Nach dem Verbrechen, das an ihr begangen wurde, war Cornelia ein anderer Mensch. „Mein Wesen veränderte sich total. Ich wollte keine Frau mehr sein und habe meine Weiblichkeit versteckt.“ Sie grub am Dachboden die miefigen Kleider ihres verstorbenen Großvaters aus und zog sie an. „Ich bin dann nur noch in Männerkleidung herumgerannt.“ Am liebsten, so sagt sie, hätte sie ihre Brüste abgeschnitten und sich zu einem Mann umoperieren lassen. Cornelia fürchtete sich jetzt vor Männern. Andererseits wünschte sie sich sehnlichst Kinder. Mit 27 Jahren lernte sie ihren späteren Mann kennen. Ihm schenkte sie zwei Töchter. „Ich konnte also doch noch Kinder bekommen.“ Cornelia blieb zuhause bei den Kindern, zog sie groß und half ihrem Mann im Unternehmen. Jahrelang war die Hausfrau, die Frauen und Mädchen in Selbstverteidigung unterrichtete, bei ihrem Mann nur geringfügig angestellt. Das fiel ihr nach der Scheidung im Jahr 2011 auf den Kopf. „Deswegen habe ich kein Arbeitslosengeld bekommen.“

Sie zog in die kleine Wohnung, die ihr gehörte und begab sich mit 49 Jahren auf Jobsuche. „Ich hielt mich mit Putzjobs über Wasser.“ Als sie am Karpaltunnelsyndrom erkrankte, konnte sie nicht mehr als Reinigungskraft arbeiten. Sie bewarb sich um Jobs in der Gastronomie, aber es hagelte nur Absagen. „Jetzt lebte ich von meinem kleinen Vermögen und von der Abfindung, die ich bei der Scheidung von meinem Mann bekommen hatte.

2015 erkrankte sie an einem Burnout. Sie brach zusammen, weil ihr alles zu viel geworden war, die Existenzsorgen und der Bewerbungsstress. „Ich merkte, dass ich nicht mehr 100 Prozent geben kann und Stress nicht aushalte. Das ist sicher eine Folge der Traumata.“ Seit 2016 bekommt die geschiedene Frau vom AMS eine Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts. „Ich muss mit 620 Euro im Monat durchkommen. Das macht mich wütend“, sagt sie voller Gram.

„Ich bin eine Überlebende“

Sie kann nur überleben, weil ihre Töchter sie unterstützen und sie einen Tauschhandel ins Leben gerufen hat. Cornelia flickt für andere Wäsche, kürzt Hosen, gießt Gärten, hütet Haustiere, färbt Haare und kocht Marmelade ein. Im Gegenzug erhält sie Dinge, die sie braucht. Lebensmittel holt sie sich bei Tischlein-deck-dich. Die 57-Jährige fühlt sich vom Staat im Stich gelassen. „Mir waren die Kinder wichtiger als die Karriere. Das ist der Lohn dafür. Ich gehöre heute zu den armutsgefährdeten Menschen im Land.“ Aber ihr Überlebenswille ist stark. Auch dem Vergewaltiger gelang es nicht, ihren Willen zu brechen. „Ich bin eine Überlebende. Gerade deshalb bin ich eine starke Persönlichkeit geworden.“