Die Entwicklung der Wasserkraft im Montafon: Von Mühlen, einem Dekan und Energie

Vorarlberg / 23.04.2019 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Stand der Dinge des Staumauerbaus am Vermuntsee im Jahr 1930. Die Länge der Hauptmauer: 386,5 Meter.

Eine Geschichte der Energieerzeugung in Vorarlberg.

Bettina Maier-Ortner

Vandans Die positive Kraft des Wassers war für die Entwicklung wirtschaftlichen Lebens seit jeher von großer Bedeutung. Entlang von kleineren und größeren Flussläufen wurde Wasser als Antrieb von Wasserschöpfrädern ebenso genutzt wie als Antrieb von Arbeitsmaschinen wie Mühlen oder Sägewerke. Bereits seit dem Mittelalter wird im Montafon Wasserkraft als Energiequelle genutzt. Wasserreichtum und große Höhenunterschiede prädestinieren das Gebiet geradezu. Durch den natürlichen Wasserreichtum war die Wasserkraft für das Montafon ein großer Motor des Wirtschaftslebens. Seit dem Mittelalter erzeugten Wasserräder mechanische Energie – dafür wurden neben den natürlichen Wasserläufen auch künstlich angelegte Mühlbäche genutzt. Mühlbäche hatten eine relativ gleichmäßige Wassermenge, wurden durch das Siedlungsgebiet der Gemeinden geführt und konnten somit an mehreren Stellen gleichzeitig genutzt werden.

Das Foto zeigt die Installation der beiden Steilrohrleitungen auf der Baustelle Vermuntwerk. Die Rohre wurden mittels Schrägaufzug transportiert. Größenvergleich: Im Vordergrund sind Arbeiter zu sehen.
Das Foto zeigt die Installation der beiden Steilrohrleitungen auf der Baustelle Vermuntwerk. Die Rohre wurden mittels Schrägaufzug transportiert. Größenvergleich: Im Vordergrund sind Arbeiter zu sehen.

Im Jahr 1895 errichteten die Brüder Robert und Wilhelm Mayer in Schruns eine elektrische Anlage, die neben der Eigenversorgung der Mühle auch zur Abgabe von Strom an Kunden installiert wurde. Bereits ein Jahr später war Schruns die erste Gemeinde in Vorarlberg, die über eine lokale Stromversorgung verfügte. 1899 folgte Dornbirn, 1900 Schwarzach, 1901 Bludenz. Durch die große Nachfrage in Schruns ließen die Gebrüder Mayer 1901 einen zweiten Maschinensatz errichten.

Der Stromdekan

Der Vorarlberger Landtag beschloss am 29. Mai 1914 der Energieversorgung ihrer Bürger die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Als Referenten für das Thema „Strom“ wurde der Abgeordnete und Dekan des Bregenzerwaldes Barnabas Fink bestellt. Die Kohlekrise 1916 zwang den Landtag erneut das Thema Energiegewinnung durch Wasserkraft zu intensivieren. Fink: „Die Frage musste also von unbedingt objektiven Beurteilern, nicht einmal von gewöhnlichen Fachleuten gelöst werden.“ Mit dem Münchner Zivilingenieur Johann Hallinger fand Barnabas Fink den geeigneten und vor allem neutralen Experten. In Finnland hatte der Ingenieur große Elektrizitätswerke gebaut. Fink konnte im Sommer 1918 den Landesausschuss über Hallingers Gutachten „über Stand der Energieversorgung, Aufgaben und Probleme“ informieren. Vorarlberg stehe mit jährlich 200 Kilowattstunden pro Kopf verbrauchter Energie weitaus besser da als vergleichsweise Bayern und Deutschland. Das Interesse zur Energiegewinnung richtete sich auf die Untere Ill, auf hoch gelegene Speicheranlagen im Montafon und auf den Lünersee – bei Letzterem wurden umfangreiche Abdichtungsmaßnahmen bereits in die Wege geleitet. Die Experten haben internationale Weitsicht bewiesen: Die Zusammenarbeit mit den Bündner Kraftwerke AG und den Bezirksverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke startet.

 Facharbeiter neben einer fertiggestellten Turbine. Unten ein Rotorblock des Generators.
Facharbeiter neben einer fertiggestellten Turbine. Unten ein Rotorblock des Generators.

1925 erfolgte die Beschlussfassung für das Bauvorhaben Vermuntwerk, nachdem ein Jahr zuvor die Vorarlberger Illwerke Ges.m.b.H. gegründet wurde. Mit dem Landesvertrag von 1926 schlossen das Land Vorarlberg, Großkraftwerk Württemberg, Oberschwäbische Elektrizitätswerke und Vorarlberger Illwerke maßgebliche Bestimmungen. Umwandlung in Vorarlberger Illwerke Aktiengesellschaft im Jahr 1927. Drei Jahre später ging das fertiggestellte Großbauprojekt Vermuntwerk der Illwerke an das europäische Verbundnetz. Es war das bis dahin größte Wasserkraftwerk Österreichs, mit der „Rheinlandleitung“ nach Deutschland wurde die Energie bis in die rheinisch-westfälischen Industriegebiete geführt und mit den Wärmekraftwerken des Ruhrgebiets verbunden. Für den Bau des Kraftwerkes wurden neben dem eigentlichen Bau und der Errichtung der Vermuntsperre ebenso Transportwege angelegt, Aufstiegshilfen installiert sowie die Schmalspurbahn errichtet. Insgesamt waren bis zu 1800 Ingenieure und Bauarbeiter im Einsatz.

Geschichte der Stromerzeugung
Geschichte der Stromerzeugung

Ab 1938 begannen die Bautätigkeiten für das Rodundwerk I, das Latschauwerk, das Obervermuntwerk und den Silvrettastausee. Deutsche und heimische Baufirmen nutzten zusätzlich ab 1939 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf den Baustellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zwischen 1954 und 1958 das lange leistungsstärkste Pumpspeicherkraftwerk der Welt Lünersee gebaut und in Betrieb genommen. Weitere wichtige Meilensteine der Energieerzeugung im Montafon folgten: So werden von 1962 bis 1969 der Kopssee, das Kopswerk I samt den Anlagen Rifawerk und Pumpwerk Kleinvermunt verwirklicht. In den folgenden Jahrzehnten wurden im Montafon das Kopswerk II, das Walgauwerk sowie die Kraftwerksgruppe Obere Ill/Lünersee gebaut und immer wieder optimiert. Das neue Obervermuntwerk II soll Vorarlberg dem ambitionierten Ziel der Energieautonomie im Jahr 2050 ein gutes Stück näher bringen.

Die Serie „Energie für unser Leben“ ist eine redaktionell unabhängige Serie der VN mit Unterstützung von illwerke vkw.